Fördert das Internet das Verbrechen?

Der Sprung in die Science-Fiction-Welt scheint geschafft. Die Zeitungen berichten vom Verlangen deutscher Politiker und Polizeiexperten nach mehr "Cyber-Cops". Echte oder virtuelle Polizisten sollen auf der Basis echter Gesetze verstärkt echte — oder virtuelle? — Verbrechen verfolgen. Der Zusammenhang dieser Forderungen mit den schockierenden Einzelheiten über die Herstellung und den Vertrieb von Kinderpornographie in Zandvoort verdient eine nähere Betrachtung.

Die von Pornographie-Experten grob geschätzte Zahl von 30- bis 50.000 regelmäßigen deutschen Konsumenten von harter Kinderpornographie wird in den seltensten Fällen einer öffentlichen Bewertung unterzogen. Wie entsteht ein solcher Bedarf? Ist er nur im Einzelfall erklärbar oder gibt es Antriebe, die aus gesellschaftlichen Quellen gespeist werden? Nimmt die Lust an der Verletzung der letzten Tabus in unserer Gesellschaft zu?

Ebenso selten wie die Motive der Konsumenten werden die Praktiken des Pornographie-Geschäfts. also der Produktion und des Vertriebs beispielsweise von Videocassetten in industriellen Stückzahlen ausführlich beleuchtet. Hier wären eingehende und möglicherweise nicht ungefährliche Recherchen fällig. Daß die harte Kinderpornograpie ein gut organisiertes europäisches Big Business ist, daran kann kein Zweifel bestehen.

Die Aufmerksamkeit der meisten Betrachter wendet sich jedoch in diesen Tagen dem Internet zu, das der Transportweg mancher pornographischer Proben ist und vor allem auch der Bestellweg für die Produkte, überwiegend Videofilme. Mit der Fokussierung auf das Internet tritt die Diskussion in einen mythendurchwobenen Raum ein, der die Phantasie auch der nüchternsten Politiker und Rechtsexperten ungemein anregt.

Die eingangs erwähnten "Cyber-Cops", eine bundesweite Zentralstelle zur Überprüfung des Internet und gar eine internationale Rechtskonvention gegen Kinderpornos im Internet werden gefordert. Bundesjustizminister Schmidt-Jortzig wird der Verhinderung stärkerer Maßnahmen bezichtigt, ohne daß die Wirksamkeit solcher Maßnahmen im Hinblick auf die Unterbindung des grausamen Geschäfts mit der Gewalt an Kindern in irgendeiner Weise realistisch begründet würde.

Ist das Internet ein Sumpf des Verbrechens, der trockenzulegen ist, bevor noch größere Teile unserer Gesellschaft in ihm ausgleiten? Erzeugt erst das Internet die Interessen und Interessenten und damit das Geschäft mit der Kinderpornographie? Das Netz der Netze ist in diesem Zusammenhang sicher nur ein Kommunikationsweg neben anderen. Ob sich Steuerhinterzieher, Geldfälscher, Drogendealer oder Kinderschänder brieflich, über das Telefon oder per E-Mail zu ihrem bösen Tun verabreden, ob sie Materialien per Post, per Botendienst oder als digitales Datenpaket verschicken, ist im Grunde austauschbar. Niemand jedoch attackiert die Deutsche Post AG, die vermutlich täglich hunderte Sendungen mit ebenso schockierenden Bildern transportiert, wie sie aus Zandvoort zu sehen waren.

Das Internet ist ein Postsystem mit Millionen täglicher Sendungen, die verschlüsselte oder unverschlüsselte Botschaften enthalten können. Es ist außerdem ein öffentlicher Platz mit annähernd 300 Millionen Schaufenstern, also verschiedenen Seiten, die im World Wide Web aufgerufen werden können. Daneben gibt es eine Vielzahl von passwortgeschützten Seiten und Servern, auf denen Informationen nur an berechtigte Nutzer oder zum Beispiel gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt werden. Die vorhandene Informationsfülle und das Transportvolumen der reisenden Datenpakete sind so ungeheuerlich, daß ein wirksamer Schutz gegen den Mißbrauch der freien Datenkommunikation für kriminelle Zwecke schlicht unmöglich ist.

Ein zeitgemäßer Polizeiapparat könnte im Internet eine Vision realisieren, die der Chef des Bundeskriminalamtes, Karl Herold, Ende der siebziger Jahre hatte: die Polizei als soziologisches Instrument. Rasterfahndungen und Datensammlungen sollten danach einzig und allein dem Zweck dienen, der Politik eine Dokumentation des tatsächlichen Zustandes der Gesellschaft zu liefern. Die Verfolgung von Verbrechen und die Dingfestmachung von Tätern waren demgegenüber sekundäre Aufgaben, zumal die Politik immer wieder neu definiert, was "Verbrechen" überhaupt ist. Würden im Internet Stichproben aus dem Datenverkehr der E-Mail entnommen, so gäbe es vielleicht Aufschluß über einen mutmaßlichen Anteil krimineller Daten am Gesamtaufkommen, eine sinnvolle Verbrechensbekämpfung wäre aufgrund des winzigen Stichprobenanteils jedoch kaum möglich. Die Verletzung des Zensurverbots ließe sich also keineswegs rechtfertigen.

Eine sinnvollere und effektivere Haltung zum Internet praktizierte die Polizei bei verschiedenen Fahndungen in Entführungsfällen, indem sie Telefonaufzeichnungen und Dokumente auf Abruf ins Internet stellte. Diese Form der Mediennutzung nähert sich der Nutzung der Straßen: Sie sind das neutrale Gelände, auf dem Verbrecher und Opfer, Verfolger und Helfer gleichermaßen unterwegs sind. Permanente Straßensperren sind der Aufklärung von Verbrechen nicht dienlich. Im Internet finden sich im übrigen auch viele Aktionen gegen das Kinderpornogeschäft. Darunter ist eine Informations- und Adressensammlung des Deutschen Kinderschutzbundes, die für jedermann unter www.dksb.de anwählbar ist.