Kapitel 3

Kapitel 3

Präsidentschaftskampagnen

Die grauen Mäuse, die durch den Dreck Gezogenen und die Gutbestückten

Diesmal waren Fernsehspots weniger wichtig, weil es so viele andere Schauplätze gab, auf denen die Kandidaten ihre Botschaften verbreiten konnten.

-- Frank Greer, Medienstratege der Clinton-Kampagne

Bei der Präsidentschaftskampagne 1992 gingen alle Wetten daneben. Die Regeln, nach denen die Kandidaten ihre Medienidentitäten zu stricken gelernt hatten und ihre Wähler anzogen, funktionierten nicht mehr, und die Amtsanwärter mußten neue Methoden entwikkeln, um ein mediengewohntes Publikum in einer viel komplexeren Kommunikationswelt anzusprechen. Die vier wichtigsten Kandidaten waren George Bush, Bill Clinton, Ross Perot und Jerry Brown, und jeder von ihnen startete Kampagnen, die ebenso viel über ihre Haltungen zu den Medien aussagten wie über ihre politischen Ideen. Im Jahre 1992 waren die Medien mehr als nur Transportmittel für die Aussagen der Kandidaten; sie wurden aktive Partner im Wahlkampf. Die Beziehung eines Kandidaten mit der Datensphäre versinnbildlichte seine Beziehung zu dem Land, das er zu führen wünschte.

Zu politischen Kampagnen gehörte es gewöhnlich, daß Presseleute überzeugt wurden, die Kampagne in ein günstiges Licht zu rücken. Die Öffentlichkeit erhielt ihre Information von der Journalistengruppe, die die Kandidaten auf ihrer Wahlkampfreise im Bus begleitete. Da diese Reporter den ganzen Tag mit dem Kandidaten verbringen, durchschauen sie ihn mit Sicherheit ganz gut. Wir vertrauten den Jungs aus dem Bus, daß sie die Ansichten, den Stil und die Themen des jeweiligen Kandidaten getreulich zusammenfaßten - und das in fünfzehn Sekunden oder kürzer. Das Schwergewicht lag immer darauf, den Kandidaten bei einem Beispiel für etwas zu erwischen, das die Reporter immer schon über ihn verbreitet hatten. Im Jahr 1991 hatten die Medieninsider beispielsweise beschlossen, daß Bob Kerrey ein unwichtiger Kandidat sei. Als er vor einem Mikrophon, das sich als eingeschaltet erwies, einen Witz über Jerry Brown flüsterte, ergriffen die Reporter die Gelegenheit, diesen Fauxpas Kerreys Mangel an klaren Vorstellungen zuzuordnen.

Der Wahlkampf von 1992 war, wie jeder andere in der amerikanischen Geschichte, gespickt mit breit publiziertem Geschwätz - wenn nicht sogar noch mehr als früher. Die Aufmerksamkeit, die es in den Medien erregte, könnte zu der in Amerika verbreiteten Unzufriedenheit mit der Mittlerrolle der Medien beigetragen haben und bahnte den Weg für die partizipatorische Kampagne neuen Stils, die damals begann. Zum Beispiel ebnete Clintons angebliche Affäre mit Gennifer Flowers den Niveauunterschied zwischen Kolportage-Journalismus und einer förmlicheren Berufsauffassung ein. Der National Star und ,,A Current Affair" brachten diese Geschichten ebenso wie die ,,offiziellen" Nachrichtensendungen der nationalen Fernsehnetze.

Der CNN-Bericht über die Pressekonferenz von Gennifer Flowers brachte auch die Frage der Figur ,,der stotternde John" (Howard Stern), der sie fragte: ,,Haben Sie vor, auch mit anderen Präsidentschaftskandidaten zu schlafen?" Der Unterschied zwischen Kolportage, seriöser Nachricht und satirischer Reportage ist verschwunden. Die Reporter aus dem Wahlkampfbus, die sich überboten, um Material zu ergattern, das ebenso medienfähig ist wie das der Boulevardmedien, unterminierten damit ihre eigenen Möglichkeiten, die Zuschauer davon zu überzeugen, daß sie die einzigen legitimen Übermittler der Botschaften der Kandidaten seien.

Die zunehmende Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit der Arbeitsweise der Reporter, kombiniert mit dem Wachstum der Datensphäre und den gestiegenen Möglichkeiten, die etablierten Medienkanäle zu umgehen, veränderte drastisch das Gesicht politischer Kampagnen. Anfänglich ermöglichte die Konstruktion der Datensphäre den Kandidaten, ihre traditionellen Medientaktiken mit größerer Sorgfalt fortzusetzen. Man nötigte Reporter dazu, fertig verpackte Presseerklärungen zu akzeptieren, eine von James Baker in den Reagan-Jahren perfektionierte Desinformationstaktik, die ihren Höhepunkt erreichte, als die Kandidaten ihre Fernsehberichterstattung selbst zu produzieren begannen. Im Jahre 1991 sendeten lokale Nachrichtenstationen, die hungrig nach guten Bildern waren, die von den Wahlkampforganisationen produzierten Bildberichte als ihre eigenen. Die Medienstrategen konnten jetzt nicht nur gute Möglichkeiten für Fernsehaufnahmen schaffen, sie lieferten und bearbeiteten die Bilder gleich selbst. Die Fernsehstationen sagten ihrem Publikum keineswegs, daß die Berichte von den Wahlkämpfen selbst produziert worden waren. Auch die Satellitentechnik unterstützte die Propagandabemühungen der Wahlkämpfer. Da regionale Fernsehstationen sich eigene Übertragungszeiten auf Satelliten mieteten, gaben Kandidaten lokalen Moderatoren direkte Interviews. Diese Moderatoren fühlten sich durch ein Interview mit einer so wichtigen Person so sehr geehrt, daß sie von den Kandidaten, die den Umgang mit weitaus gewiefteren Journalisten gewohnt waren, leicht manipuliert werden konnten.

Diese Faktoren verschoben die Skalen zugunsten von Amtsinhabern und wohlhabenden Kandidaten. Wer sich die Produktion einer Berichterstattung in hoher Qualität leisten konnte, kam damit in die Nachrichten. Ein Amtsinhaber konnte auch leicht Fernsehzeit bekommen, indem er einer kleinen Station ein Interview zu einem begrenzten oder lokalen Thema gab und dann die Satellitenzeit der mit diesem Sender vernetzten Stationen als Plattform für seine eigene Kampagne benutzte. Diese Qualitäten der Medienwelt wirkten, kombiniert mit der Macht der traditionellen Werbe- und Marketingmethoden, als könnten sie es Neulingen oder Gegenkandidaten noch schwerer machen, ihre Botschaften zu vermitteln. Zum Glück für die Demokratie verschob sich die Skala bald in die andere Richtung.

Die Öffentlichkeit war reif für eine Veränderung. Ken Auletta erklärte in seinem Artikel über den Wahlkampf von 1992 im Esquire: ,,Der Wandel vollzog sich nicht in einem Vakuum. Der Rückgang des Medieneinflusses ist verbunden mit einem größeren Trend zur Eliminierung von Eliten und Mittelsleuten und geht in die Richtung von dezentralisierter Verwaltung, verantwortlicheren Unternehmen und direktem Zugang. Es geschah in Osteuropa. Und es geschah mit Fernsehklickdingern und der vielfältigen Programmauswahl, die es den Zuschauern gestattete, die großen drei Netze zu meiden und sich ihr eigenes Programm zu gestalten ... In diesem Jahr rebellierten also Kandidaten und Bürger gleichermaßen gegen die Mittelsleute der Medien. In diesem Jahr enträtselten sie - vielleicht endgültig - das Insiderspiel, das einst von den Jungs im Bus dominiert wurde."

Die Amerikaner hatten genug davon, sich von wichtigtuerischen Experten etwas über die Kandidaten erzählen zu lassen; sie wünschten sich statt dessen, sie direkt auf den Schauplätzen zu erleben, zu denen sie Vertrauen gewonnen hatten. Diese Schauplätze waren nicht die Nachrichtensendungen, die Fernsehwerbung oder traditionelle Debatten. Es waren vielmehr die Talkshows, Diskussionsshows, Radiosendungen mit Höreranrufen und andere Medien zum Mitmachen. Der Erfolg jedes Kandidaten dieser Wahl hing von seiner Entschiedenheit und Fähigkeit ab, sich auf dem neuen Terrain der interaktiv gestalteten Medien zurechtzufinden.

Hindernisse und Stolpersteine

Der Amtsinhaber George Bush weigerte sich, diese neue Taktik und die neuen Foren anzuerkennen. Bush und sein Wahlkampfmanager Baker standen in dem Ruf, Meister des alten Stils der Medienbeherrschung zu sein. Sie verstanden es, sich in der Presse zu vermarkten, und bewiesen ihre großen Fähigkeiten in ihrer PR-Kampagne für den Golfkrieg. Als jedoch die Wahlen näherrückten, waren plötzlich zu viele Spieler auf dem Feld, und Bush verlor die Ballkontrolle. Die Berichterstattung konnte nicht durch Videoveröffentlichungen des Pentagons gesteuert werden. Das Schlachtfeld mußte neu definiert werden. Bushs Wahlkampf war wahrscheinlich der letzte, der auf eine traditionelle Weise geführt wurde, und er belegte seine Unfähigkeit, aus der neuen, lebendigen und sich in alle Richtungen ausdehnenden Datensphäre Nutzen zu ziehen. Auch die Medienviren, die er in die Welt setzte, waren schlecht konstruiert und zu kurzlebig. Wenn sie überhaupt Zeit für Iterationen hatten, dienten sie doch nur dazu, die Institutionen und Ideologien, die er selbst unterstützte, zu zerfressen.

Einer der größten Medienschläge gegen seinen Gegner Michael Dukakis war im Jahre 1988 der ,,Willie-Horton"-Virus gewesen. Die Bush-Anhänger ließen einen Fernsehspot ausstrahlen, der offen die Positionen von Dukakis zu Verbrechen und Strafen angriff. Ein Hafturlaubsprogramm, daß Gouverneur Dukakis im Staate Massachusetts eingeführt hatte, erlaubte es Häftlingen, eine Zeit bei ihrer Familie und ihren Freunden zu verbringen. Ein Häftling, Willie Horton, ein überführter Mörder, vergewaltigte im Hafturlaub eine Frau und erweckte damit schwere Bedenken in Bezug auf den Nutzen des Programms. Eine Gruppe, die den Bush-Wahlkampf unterstützte, startete einige Fernsehspots, um den Fall Horton als Beweis für die Beschuldigung hinzustellen, Dukakis habe eine lasche Haltung zum Verbrechen.

Obwohl die Taktik gegen Dukakis kurzfristig funktionierte, sezierten politische Kommentatoren und Medienkritiker den Horton-Virus bald und waren sehr wenig erfreut über das, was sie vorfanden. Ein weithin kritisierter Werbespot hob die Tatsache hervor, daß Horton schwarz und sein Vergewaltigungsopfer weiß war, indem er gezeichnete Silhouetten in den jeweiligen Farben zeigte. In Zeitschriften und Zeitungen erschien eine Fülle von Artikeln, in denen Bushs Wahlkampfkampagne bezichtigt wurde, Bigotterie anzufachen, indem sie in einen Werbestreifen zur Verbrechensbekämpfung eine zutiefst rassistische Thematik hineinbrachte. Bush selbst distanzierte sich schließlich von der Werbung - es war letztlich auch nicht sein eigenes Wahlkomitee, das sie produziert hatte -, aber Willie Horton wurde bald eher zu einem Symbol für Rassismus und politische Schlammschlachtmentalität als für die Haltlosigkeit der demokratischen Positionen.

Im Jahr 1992 waren es die Demokraten, die den Namen Willie Horton ins Feld führten. Die New York Times berichtete im August: ,,Anders als vor vier Jahren sind es nicht die Republikaner, die sich der Figur Hortons bedienen, um Menschen von der Wahl der Demokraten abzuschrecken. Diesmal zerren Demokraten den Namen des berüchtigsten Mörders und Vergewaltigers von Massachusetts auf die politische Bühne, um die Wähler an die Exzesse zu erinnern, in denen die Unterstützer von Bush im Jahre 1988 geschwelgt haben. Willie Horton erweist sich als die mächtigste rhetorische Waffe der Demokraten, und Anhänger von Gouverneur Bill Clinton lassen schadenfroh seinen Namen so oft fallen, wie sie an Präsident Bushs Versprechen ,Keine neuen Steuern` erinnern"

Der Willie-Horton-Spot entwickelte sich zu einem voll ausgebildeten Medienvirus, als seine Bedeutung in seinem Medienkontext wichtiger wurde als sein ursprünglich vorgesehener Zweck. Wie viele Medienviren wirkte er gegen die etablierte politische Struktur und das taktische Wahlkampfsystem, obwohl er dazu gedacht war, sie zu erhalten. Die Demokraten hängten sich an den Virus, sobald er seinen Knalleffekt als Präventivschlag gegen möglicherweise drohende Verleumdungen gehabt hatte. Clinton wußte, daß seine größten Anfälligkeiten ein fragwürdiges persönliches Leben und ein liberales Wertesystem waren. Sein Zugeständnis, Marihuana geraucht zu haben, seine Haltung zum Militärdienst, der Gennifer-Flowers-Skandal und seine unabhängig denkende Ehefrau boten sich als Ziele für republikanische Attacken geradezu an.

Angesichts der Breitseiten Bushs an diesen Fronten, die er auf dem republikanischen Wahlkongreß losließ, erwiderte Clinton: ,,Sie laufen Sturm gegen Hillary und machen daraus im Grunde eine Willie-Horton-Sache gegen alle unabhängigen, berufstätigen Frauen, und das auf eine Art und Weise, die nach meiner Ansicht wirklich erbärmlich ist." (Interessanterweise ist es tatsächlich Al Gore gewesen, der das Problem der Hafturlaube von Dukakis in einer seiner Debatten mit dem Gouverneur während der Vorwahlen des Jahres 1988 aufgebracht hatte!)

Diese neue Verwendung des Willie-Horton-Virus schlug in allen anti-republikanischen Medien an. Man prägte den Ausdruck ,,Hortonisierung" zur Kennzeichnung der Haltung des Bush-Wahlkampfes zum Recht auf Abtreibung, zur Homosexualität, zum Verfall der familiären Werte, zu Ice-T und Murphy Brown. David Nyhan, Kolumnist der Boston Globe, nannte sogar Bushs Gegner Saddam Hussein den ,,Goldmedaillengewinner der ersten vierjährigen Willie-Horton-Talentsuche". Obschon Bush nicht unmittelbar verantwortlich für die ursprüngliche Willie-Horton-Kampagne zu machen ist, mußte er für sie die Zeche zahlen. Eine Technik, auf die sich Amtsinhaber verlassen hatten - Steine aus dem Festungsturm auf herannahende Herausforderer fallen lassen -, erwies sich als schmutzige Taktik. Die Steine selbst konnten zur Untersuchung der Vorurteile ihrer Werfer herangezogen werden.

In Bushs Fall war dies an keinem Punkte klarer als bei seinen Versuchen, Clinton und die Demokraten als Homosexuelle bloßzustellen. Die Strategie bestand darin, die Herausforderer mit Qualitäten in Verbindung zu bringen, auf die alle Amerikaner herabsahen. Aber die Republikaner, die sich immer noch nicht im klaren darüber waren, daß eine solche Taktik in einem interaktiven Medienkosmos nicht funktionieren konnte, wendeten die Techniken der Vergangenheit an.

Die Angriffe auf Clintons Sexualität sollten anfänglich Bush männlicher wirken lassen. Genau drei Tage vor dem republikanischen Parteitag 1992 sagte Lyn Nofziger, eine frühere Mitarbeiterin von Reagan, daß Reagan zunächst gegen die Bestellung Bushs zum Vizepräsidenten gewesen war, ,,weil er Bush für einen Schwächling hielt". Inzwischen erschien Clinton - der möglicherweise wirklich Affären mit Gennifer Flower und anderen gehabt hat - eher wie Jack Kennedy, mit einem gesunden sexuellen Appetit. (Spaßmacher rissen Witze darüber, daß Präsident Bush mit einer Frau verheiratet war, die aussah, als könne sie seine Mutter sein.) Die Republikaner bemerkten, daß sie Clintons männliche Ausstrahlung nur erhöhten, wenn sie ihn als ,,Schürzenjäger" bezeichneten (wie es ein Parteisprecher am Abend vor dem Parteitag tat). Sie brauchten eine neue Vorgehensweise, und die Antwort lautete Homosexualität.

Bush durfte ebenso wenig wie bei den Schwarzen einfach feststellen, daß er ,,gegen" sie sei, während sein Gegner sie unterstützte. Die Republikaner konnten Homosexuelle nicht offen verurteilen. Statt dessen brachten sie Clinton mit schwulen Anspielungen in Verbindung und ließen ihre Parteitagsdelegierten den Rest tun. Es begann damit, daß Bush in Houston ankam und seinem Publikum berichtete, daß die Demokraten im Kongreß ,,den Wörtern closet liberal eine neue Bedeutung geben". [Bush macht eine unausgesprochene Anspielung: ein closet liberal ist ein spekulativ denkender, theoretisierender Liberaler; eine closet queen ein heimlicher Homosexueller. A.d.Ü.] Darüber hinaus versuchte er, Clinton mit dem gängigen Typus eines schwulen Raumausstatters in Verbindung zu bringen, indem er bemerkte, der Demokrat sei sich so sicher, die Wahl zu gewinnen, daß ,,ich schon fast erwartete, als ich in das Oval Office ging, ihn dort beim Ausmessen der Vorhänge vorzufinden".

John Taylor führte in seinem Artikel über den republikanischen Parteitag für die entschieden liberale Zeitschrift New York aus: ,,Am späteren Abend entwickelte Pat Buchanan in seiner Parteitagsrede eine barockere Version dessen, was zur zentralen republikanischen Analogie für die Demokraten geworden ist - daß sie durch das Bemühen, ihre eigentlichen liberalen Ziele zu verbergen, ein ähnliches Verhalten zeigten wie ein sexueller Abweichler, der vorgibt, normal zu sein. ,Wie so viele andere von ihnen`, sagte Buchanan, ,habe ich im letzten Monat den großen Maskenball am Madison Square Garden gesehen, wo 20 000 Radikale und Liberale als gemäßigt und zentristisch verkleidet waren - die größte Transvestitenveranstaltung in der amerikanischen politischen Geschichte.`" Buchanan gefiel es auch, Al Gore ,,Prinz Albert" zu nennen, um damit eine Spur sexueller Abweichung ins Spiel zu bringen.

Die republikanische Strategie war ein wenig zu offensichtlich. Schwule Republikaner wendeten sich gegen diese Art von Angriffen auf Veranlagungen, und Medienkritikern machte es Spaß, die ungezielten Schläge gegen demokratische Werte zu sezieren. Um Bush vor zurückfliegenden Steinen zu schützen, die seinen Gegnern gelten sollen, lassen die republikanischen Wahlkämpfer andere die schmutzige Arbeit für ihn tun. Statt eigene Bilder zu erfinden, nehmen sie gerne Viren zu Hilfe, die schon durch die Medienströme fließen. Das war ein cleveres Muster, weil sie sich so nicht den Vorwurf der Schlammschlacht einhandeln konnten. DasVirus war schon ,,im Umlauf". Sie artikulierten nur seine Meme.

Der Skandal um Woody Allen und Mia Farrow war ein Virus, das sich zur Manipulation anbot. Das meistbeneidete Paar New Yorks, das immer die angesagte postmoderne Beziehungsfähigkeit vorgeführt hatte, erwies sich nun als wenig beispielhaft. Woody hatte nicht nur eine Affäre mit Mias neunzehnjähriger Adoptivtochter Soon Yi und Nacktphotos von ihr gemacht, sondern er wurde auch beschuldigt, seine eigene siebenjährige Tochter Dylan sexuell belästigt zu haben. Mia wurde indessen dargestellt als besessene, rachsüchtige Kindersammlerin, deren eigene Psychose nur noch durch die Beschuldigungen übertroffen wurde, die sie gegen Woody erhob. Dieser Skandal kam ans Licht, als Bill Clinton und Al Gore ihre gefeierte Wahlversammlung in New York abhielten. Die Republikaner ergriffen die Gelegenheit, um die Kandidaten und die gastgebende Stadt mit den sexuellen Abirrungen von Woody Allen und Mia Farrow in Verbindung zu bringen.

Das war ein viel komplexeres und wirksameres Medienvirus als Willie Horton oder einfache homosexuelle Unterstellungen. Woody und Mia waren schon Mediengrößen. Die Öffentlichkeit war mit dem Paar vertraut durch die Rollen, die es in Allens Filmen spielte. Man wußte, daß diese Szenarios zumindest teilweise autobiographisch waren. Allen hatte eine Affäre mit einem Teenager in Manhattan und noch eine in Husbands and Wives gehabt. Seine eigene Sicht seiner Distanz zu seinen Kindern und seine Verwirrung über familiäre Beziehungen legte er in Hannah und ihre Schwestern dar. Auch als der Soon-Yi-Skandal losbrach, erinnerte uns die Presse daran, daß die Ereignisse in Allens wirklichem Leben nur als eine Ausprägung seiner umfassenden Film- und Medienexistenz zu sehen seien. Die New York Times ergründete diese Tatsache: ,,Jahrzehntelang hat Allen in seinen Filmen ein überzeugendes alter ego gestaltet, als hintersinniger, nervöser New Yorker in ständiger psychischer Anspannung. Seine Erfahrung im Gerichtssaal wird es ihm erlauben, diese Rolle noch zu verfeinern."

Wir, als Publikum, konnten mit Allen und seinen Figuren noch nähere Bekanntschaft schließen. Wir lernten seine Neurosen und seine Ziele kennen. Allens Filme luden uns ein, uns mit ihm zu identifizieren, und wir bezogen uns dabei, ob er das wollte oder nicht, auf den Woody Allen, der sich aus den von ihm geschriebenen und gespielten Figuren zusammensetzte. Die Zeitschrift Time beschrieb das so: ,,Im Leben wie in der Kunst schien Allen der perfekte New Yorker Liebhaber zu sein: erfolgreich auf einem kreativen Gebiet, ernsthaft und lustig; Qualitäten, die in New York etwa so zählen wie ,reich` zum Beispiel in Dallas." Im wirklichen Leben waren Woody und Mia nicht verheiratet, aber ihre Beziehung war typisch für eine aufgeklärte kosmopolitische Haltung zur Liebe und zur Elternschaft. Der Journalist Eric Lax, der eine Zeitlang bei dem Paar verbrachte, schrieb bewundernd: ,,Nur wenige verheiratete Paare kommen mir verheirateter vor."

Es war ein Schock zu erfahren, daß dieser Mann, den wir als Medienpersönlichkeit so intim kennengelernt und lieben gelernt hatten, sexuelle Beziehungen zur Tochter seiner Geliebten gehabt haben konnte. All die Neurosen und Verhaltensweisen, die er uns in seinen Filmen vorgeführt hatte und die ihn so liebenswert gemacht hatten, wirkten nun wie Krankheiten. Wir erlebten, daß eine Medienidentität - und als solche eine attraktive - falsch war. Jetzt lehnten wir diese einstmals anheimelnden neurotischen Verhaltensweisen ab und vertrauten dem Mann nicht mehr, der sie zu verkörpern schien. In einem Wahlkampf, in dem Bush das Schwergewicht auf Vertrauen legen wollte und in dem Clinton in den Massenmedien deutlich die Nase vorn hatte, waren dies nützliche Eigenschaften für ein Virus. Dadurch, daß sie Clinton und die Demokraten mit dem Woody/Mia-Virus in Verbindung brachten, konnten die Republikaner Schatten des Zweifels werfen auf Clintons eigene Medienauftritte, auf seine Popularität in New York, seine familiären Wertvorstellungen, seine Freunde aus dem Showbusiness und seine sexuelle Orientierung.

Das Woody/Mia-Virus konnte aufgrund seiner selbstähnlichen Struktur und seiner Verbreitung leicht aufgegriffen und weiterverwendet werden. Es war eine Geschichte über Leute in Geschichten, deren persönliche Fotos, Bänder und Videos die dunklen und verwundbaren Seiten der Lichtgestalten der Filme zeigten, mit denen wir schon vertraut waren. Mia erfuhr von Woodys Affäre, als sie Nacktfotos ihrer Tochter in Woodys Wohnung entdeckte. Als sie Allen der sexuellen Belästigung eines Kindes bezichtigen wollte, nahm Mia sofort ein Video auf, auf dem Dylan die Ereignisse erzählt. Das Videoband ,,fand sich" bald in den Händen eines Fernsehjournalisten, der (erstaunlicherweise) beschloß, es nicht zu senden, sondern nur seine Inhalte zu referieren. Woody produzierte später ebenfalls seine eigene Zeugenaussage auf Band: ein Telefongespräch, in dem Farrows Haushälterin ,,herabsetzende Bemerkungen über Frau Farrows Fähigkeiten als Mutter" machte. Inzwischen benutzte Farrow selbst unmittelbar das Tonbandgerät ihres Sohnes, um vor und nach ihren öffentlichen Anschuldigungen gegen Woody verschiedene Telefonate mit ihm aufzunehmen.

Der ganze Krieg zwischen Allen und Farrow wurde mit Hilfe von Medien ausgefochten - nicht bloß von privaten Aufnahmen, sondern von Massenmedien. Es war ein Kampf um die öffentliche Meinung. Woodys Interview in Time wurde gekontert durch Mias Geschichte in Vanity Fair. Woody erschien in ,,60 Minutes" und zeigte eine Valentin-Karte, die er von Mia bekommen hatte, und in der Nadeln in den Herzen ihrer Familienangehörigen steckten. Mia unterschrieb einen Buchvertrag, Woody hielt täglich Pressekonferenzen ab. ,,Ich komme jetzt zu dem Schluß, daß ich lange Jahre mit einem Mann verbracht habe, der nichts von dem respektiert, was mir heilig ist. Nicht meine Familie, nicht meine Seele, nicht meinen Gott oder meine Ziele", schrieb Mia in einem ,,Brief an eine Freundin", der eher eine gezielte Presseerklärung über ihre Gefühle war. Dieses Paar hatte Erfahrungen im Umgang mit den Medien.

Und das ist auch der Grund, weshalb sie die Bauern für ein anderes Spiel abgeben konnten. Ihre Geschichte hatte als Medienereignis seine eigene Identität und konnte daher für jeden anderen Zweck vewendet werden; auch ohne Zustimmung der Beteiligten. Die New York Times sah Woodys selbstgeschaffene Klemme so: ,,Als Filmemacher machte er eine brillante Karriere, indem er seine Schwächen analysierte und seine Neurosen öffentlich ausstellte. Der Prozeß war eine höchst unwillkommene Übergabe der künstlerischen Kontrolle über die Figur Allen." Anfänglich witzelte die Presse, die ganze Affäre sei eine demokratische Machenschaft, ,,um die Aufmerksamkeit vom republikanischen Wahlkongreß abzulenken", tönte die Village Voice. ,,Um Himmels Willen, die Post brachte den Wahlkongreß erst auf Seite vier." Selbst wenn die Woody/Mia-Geschichte die New Yorker tatsächlich vom Bush-Wahlkampf ablenkte, waren die Republikaner doch schnell imstande, die Meme zu verstärken, die für Clinton potentiell vernichtend waren.

Für Newt Gingrich, den Fraktionsvorsitzenden der republikanischen Minderheit, war dies eine außerordentliche Gelegenheit in einem außerordentlichen Wahljahr. In einer Notiz an das Weiße Haus, die er (im Mia-Farrow-Stil) an die Washington Post durchsikkern ließ, um ihr Beachtung zu verschaffen, verkündete Gingrich: ,,Normale, traditionelle Berater stützen sich in einem Jahr, das einzigartig ist, nach wie vor auf normale Erkenntnisse." Gingrich wußte, daß die einfache Betonung der ,,familiären Werte" nicht ausreichend war, um eine Wahl zu gewinnen und übernahm persönlich die Verantwortung dafür, die republikanischen Ziele durch ein modernes, hochprofiliertes Medienvirus in Umlauf zu bringen. Im August 1992, unmittelbar nach der überwältigend erfolgreichen demokratischen Wahlversammlung in New York, sagte Gingrich vor einer Zuhörerschaft in Georgia: ,,Woody Allen hat zur Zeit einen Nicht-Inzest mit einer Nicht-Tochter, für die er ein Nicht-Vater ist, weil sie keinen Begriff von der Familie haben ... es ist eine gespenstische Situation da draußen."

Time wollte das Virus schnell zerlegen und fragte, wer wohl ,,sie" in dem Satz wären - New Yorker, Demokraten, Menschen mit abweichendem Verhalten im allgemeinen? Aber die Botschaft war klar. Dasselbe New York, daß Bill Clinton so enthusiastisch unterstützte, vergötterte auch eine Figur wie Woody Allen. So wie Woody Allens sanfte, intellektuell-neurotische Eingeständnisse sich als Maskierung einer tieferen Psychopathologie entpuppten, so enthüllte auch Clintons Unterstützung von Schwulen, Anwälten, New Yorkern und liberalen Werten seine eigene moralische Abartigkeit.

Generalstaatsanwalt William Barr griff Gingrichs Thema auf und veränderte es zu einem noch viel reineren Medienvirus. Statt Allen oder seine Handlungen direkt anzugreifen, bemühte er sich, die Medienidentität des Filmregisseurs auseinanderzunehmen. ,,Allen schien durch all das Durcheinander grundlegend verwirrt zu sein", sagte er vor einer römisch-katholischen Gruppe, ,,und erklärte der Zeitschrift Time, daß er sich in das Mädchen verliebt habe. Und wie auf den Tag die Nacht folgt, so mußte auf das Verlieben für Allen zwingend folgen, daß die beiden ihre Liebe in sexueller Intimität miteinander teilten. Schließlich sagte er noch: ,Das Herz will, was es will.` " Barr argumentiert hier eher wie ein Medienkritiker als wie ein Moralist. Durch die Dekonstruktion des Time-Interviews als postmoderne Medienkonstruktion gewinnt er die notwendige Distanz und Freiheit für eine vernichtende Attacke auf Allen und Clinton.

,,Da haben Sie es", setzte er seine Erläuterung der sinnbildlichen Bedeutung von Allens Presseerklärung fort. ,,Mit sechs Wörtern fängt Allen in seinem Spruch das Wesen der gegenwärtigen Moralphilosophie ein. Das Herz wird hier als ein aller Vernunft enthobener Tyrann präsentiert, auf den der Verstand und daher auch die Moral keinen Einfluß haben. Versuchen Sie einmal, so ihre Kinder zu erziehen, wenn diese fragen, ob ein bestimmtes Verhalten gut oder schlecht ist." Barrs Erklärung erzeugte genau den Medienwirbel, den er sich wohl erhofft hatte. Seine Kommentare setzten auf ein bestehendes ein zweites Virus auf. Als Barrs Worte am nächsten Tag durch die Presse gingen und dort analysiert wurden (auf den Titelseiten der meisten Zeitungen), konnte er die Folgeinterviews benutzen, um die Meme zu verbreiten, die er in das Virus eingewikkelt hatte.

,,Das war kein Medienereignis", erklärte er, sondern eine Reaktion auf Woodys ,,gehaltvolle Zusammenfassung der gegenwärtigen Moralphilosophie". Barr nahm gegen Allen nicht persönlich Stellung, sondern gegen ,,25 Jahre Permissivität, sexuelle Revolution und Drogenkultur ... das leitende Prinzip unseres moralischen Zerfalls - der Schlachtruf der langen Zechtour, die Mitte der sechziger Jahre begann." Die Schlachtlinien zwischen der Gegenkultur und dem Konservativismus waren gezogen.

Wenn die Medien selbst schon als Teil des gegenkulturellen ,,Schlachtrufs" gesehen werden, lief die Strategie der Republikaner darauf hinaus, die Medien-Ikonographie anzugreifen, um ihre eigenen Tugenden zu bestätigen. Dan Quayle, der nach den meisten Vorhersagen nichts zu verlieren hatte, erklärte der Auflösung der familiären Werte den Krieg, indem er selbst gegen fiktionale Medienikonen wetterte, die sich nicht wehren konnten - wie er glaubte. Er mußte bald erfahren, daß er den Bumerangeffekt selbst von fiktionalen Medienviren unterschätzt hatte.

Die bizarre Episode begann kurz nach den Unruhen von Los Angeles im Jahre 1991, als Quayle für den Aufstand eine - wie er es nannte - ,,Wertearmut" verantwortlich machte. ,,Es hilft nicht weiter", sagte er, ,,wenn im Abendprogramm des Fernsehens Murphy Brown - eine Figur, die vermutlich die intelligente, hochbezahlte, selbständige Frau von heute darstellen soll - sich über die wichtige Bedeutung von Vätern hinwegsetzt, indem sie ein Kind allein aufzieht und das einfach eine andere Lebensauffassung nennt." Das war der Durchbruch für die Begriffe ,,kulturelle Elite" und ,,familiäre Werte" als Viren, die Hollywood und die Medien für den Verfall der traditionellen Moral und den damit verbundenen Anstieg von Gewalt und Unzufriedenheit verantwortlich machten.

Die Presse schätzte diese Aktion in gewisser Weise als cleveres Manöver. USA Today entnahm daraus, daß die Republikaner nicht nur ein ,,Kürzel für alles, was Sie an Hollywood hassen" entwickelt hätten, sondern auch, daß Dan Quayle auf eine Quelle gestoßen sei, ,,die seine Botschaft schneller und wirksamer verbreitet als irgend etwas, das er selbst hätte tun können". Die Presse erkannte, daß Quayle durch den Angriff auf eine wichtige Fernsehgestalt ein echtes Medienvirus lanciert hatte. Durch die Wahl einer fiktionalen Journalistin landete er auch einen Schlag gegen die Nachrichtenmedien insgesamt, ohne reale Journalisten benennen zu müssen. War es reiner Zufall, daß der Kandidat Clinton selbst von einem Elternteil aufgezogen worden war? Das Quayle-Virus legte nahe, daß dies die moralischen Führungsqualitäten in Frage stellte. Das Virus war zumindest in seiner Originalfassung brillant, weil es die Ambivalenz der konservativen Amerikaner zur Frauenbewegung ansprach.

Um von dem Virus zu profitieren, mußte Quayle Hollywood als die Kraft kennzeichnen, die dieses moralische Unbehagen beschleunigte. Aber Quayle griff die kulturelle Elite an, wenn wir sie so nennen können, und zwar auf ihrem eigenen Gelände, und sie schlug mit aller Gewalt zurück. Die erste Welle der Selbstverteidigung spülte am Abend der Emmy-Verleihung hoch, an dem Berühmtheiten von den Produzenten der Serie bis zum Komiker Dennis Miller ihre Momente auf dem Podium als Gelegenheit wahrnahmen, Quayles Stimmungsmache gegen Hollywood zurückzuweisen. Sie knackten Quayles Medienvirus erfolgreich und legten die Ziele, die sich nach ihrer Ansicht darin verbargen, bloß. Diane English, die Produzentin der Serie und eine gute Bekannte der Clintons (eine weitere nicht nur zufällige Tatsache, die von der Presse - zu Bushs Nachteil - nicht schnell genug aufgegriffen wurde), sagte: ,,Ich möchte besonders all den alleinerziehenden Vätern und Müttern im Lande danken, die aufgrund eigener Wahl oder gezwungenermaßen ihre Kinder alleine aufziehen. Lassen Sie sich von niemandem erzählen, daß Sie keine Familien seien."

Das Problem war jetzt also, daß sich Quayle gegen alleinstehende Mütter stellte. ,,Gestern abend wurde gesagt, ich hätte alleinstehende Mütter angegriffen", antwortete Quayle in einer Rede am nächsten Morgen. ,,Sie sagten, daß ich der Meinung sei, alleinstehende Mütter und ihre Kinder seien keine Familien. Das ist eine Lüge. Wer einen Emmy gewinnt, erhält damit nicht die Lizenz zu lügen. Hollywood mag unsere Werte nicht. Hollywood mag unsere Überzeugungen nicht." Aber es war zu spät. Ob wahr oder nicht, Hollywood hatte Quayle mit seinem eigenen Virus infiziert, dessen Mutation erst gerade begonnen hatte. Quayle hatte einem fiktionalen Widersacher die Hörner gezeigt, und je mehr er kämpfte, desto weniger Reales bekam er zu fassen.

Das große Trara, das Murphy Browns große Herbstsaisoneröffnung vorbereitete, konkurrierte mit den Debatten um die Präsidentschaft selbst. Die Figur Murphy Brown antwortete auf die Angriffe Dan Quayles, als hätte er über sie im wirklichen Leben geredet, was er ja im Grunde auch getan hatte. In dieser Folge setzt sich Mutter Murphy, obwohl sie das ja nur fiktional ist, direkt mit der Wirklichkeit ihres alleinerziehenden Daseins auseinander. Während sie ihr schreiendes Kind zu beruhigen versucht, hört sie den Angriff des Vizepräsidenten auf sie im Fernsehen. In der Welt der Fernsehserie ist sie in ein hilfloses, reales Opfer verwandelt, während Quayle als freischwebende Medien-Ikone erscheint und sich offenbar ihrer Menschlichkeit nicht bewußt ist. ,,Ich verkläre meine Existenz als alleinerziehende Mutter?" ruft sie der körperlosen Stimme Quayles zu. ,,Auf welchem Planeten lebt der? Ich habe mit der Entscheidung schwer gekämpft!" Andere Figuren lesen wirkliche Ausgaben der wirklichen New Yorker Zeitung Daily News vom Tag der originalen Rede Qualyes mit der Schlagzeile: DAN QUAYLE ZU MURPHY BROWN: DU FLITTCHEN. (Szenenfotos der Folge mit Figuren, die die Zeitung in der Hand halten, erschienen natürlich in der Daily News des nächsten Tages, als krönender Abschluß einer Episode, die rundum selbstähnlich war.)

Amerika ging jedoch an diesem Abend hauptsächlich wegen ihrer gut angekündigten direkten Antwort auf Quayle auf Murphy Browns Seite über. Diese bestand aus einer redaktionellen Mitteilung in ihrer fiktionalen Fernsehsendung ,,FYI". Die Figur wandte sich direkt an die Zuschauer: ,,Bei der Suche nach den Ursachen für unsere gesellschaftlichen Übel können wir die Medien verantwortlich machen oder den Kongreß oder eine Regierung, die seit zwölf Jahren an der Macht ist, oder wir können mich verantwortlich machen ... Aber die Sendung heute abend soll nicht einfach von der Schuld handeln. Der Vizepräsident sagt, er hätte das Gefühl gehabt, es sei notwendig, einen Dialog über familiäre Werte zu eröffnen. Unglücklicherweise scheint für ihn die einzig akzeptable Definition einer Familie eine Mutter, ein Vater und Kinder zu sein ... Vielleicht sollte der Vizepräsident seine Definition erweitern und wahrnehmen, daß Familien, durch freie Wahl oder durch die Umstände, in allen Formen und Größen vorkommen." Die doppelt verschachtelten Meme aus der Sendung in der Sendung, geschrieben von der guten Bekannten der Clintons, trafen ihr Ziel voll.

Quayles Verteidigung wuchs sich in eine surreale Bemühung um Beschwichtigung aus. Am Morgen vor der Ausstrahlung der Sendung schickte er dem fiktionalen Baby Murphy Browns einen Stoffelefanten mit einer handschriftlichen Notiz, in der er versprach: ,,Präsident Bush und ich werden alles Erdenkliche tun, damit du und alle anderen Kinder - ganz gleich, wie ihre familiäre Situation ist - die Möglichkeit haben, glücklich und zufrieden aufzuwachsen." Die Produzenten der Sendung dankten Quayle für sein aufmerksames Geschenk, aber kritisierten ihn gleichzeitig auch sanft und informierten ihn, daß sie das Spielzeug an ein Waisenhaus senden würden, ,,damit sich ein wirkliches Kind darüber freuen kann". Quayle war in eine prekäre Lage geraten. Die fiktionalen Figuren konnten ihn nach Belieben attackieren (immerhin hatte er als erster zugestochen), aber um zurückzuschlagen, mußte er sich selbst auf eine Comic-Realität reduzieren, die keine passende Umgebung für eine Führungskraft der Nation war. Mehr als eine Zeitung zitierten Roger Rabbit als naheliegendste kulturelle Referenz für Quayles bereitwilliges Eintauchen in eine fiktive Welt.

Um den Schlag abzuschwächen, der mit Sicherheit ein Vernichtungsangriff der entfremdeten Elite sein würde, entschloß sich Quayle, die Folge an jenem Abend gemeinsam mit einem Sortiment alleinstehender Mütter anzusehen, das in allen Benettonfarben schillerte. Es kamen Journalisten, um Quayle gut gelaunt im Kreise der Frauen und ihrer Babies zu fotografieren, aber der Medienzirkus um Quayle und Brown war zu verwickelt für eine Fotositzung alten Stils. Ein statisches Bild von Quayle, der mit afro- und hispano-amerikanischen Frauen auf Sofas sitzt, taugt nicht in einem Medienkrieg, der so komplex wie dieser ist. Quayle verwendete immer noch die unförmigen Waffen der Vergangenheit, und seine Taktik war zu offenkundig, besonders im Zusammenhang einer Medienschlacht, in der sich Welten innerhalb von Welten selbstbespiegelten.

,,Wessen Stimme im Kampf der Geschichten ist die authentisch amerikanische?" fragte der Time-Journalist Lance Morrow. ,,Murphy Brown (gespielt von Candice Bergen, der Tochter des einstmals berühmten Bauchredner-Puppenspielers Edgar Bergen und manipuliert von Hillary-Demokraten aus der Generation der Vierzigjährigen) vertritt eine bestimmte Wählerschicht. Dan Quayle, der kein Fernsehsurrogat manipulieren kann, ist durch den Spiegel getreten und spielt sich selbst, wobei er einen anderen Teil Amerikas vertritt. Er ist selbst ein moralisches Symbol und ein Darsteller geworden: Staatsmann und Puppe." Morrow tadelte den Vizepräsidenten, weil der ,,seinen Finger gegen Halluzinationen der populären Kultur" gereckt habe und ,,konfus und irgendwie degradierend" gehandelt habe, ,,würdelos und ein wenig dumm".

Die Technik der Republikaner war bloßgestellt. Sie hatten gehofft, Steine auf die Gruppen werfen zu können, denen sie die Schuld zuweisen und die sie marginalisieren wollten - unverheiratete Mütter, Schwule, New Yorker, Angehörige der kulturellen Elite -, aber sie hatten es nur geschafft, selbst in eine Schlacht hineingezogen zu werden. Sie hatten eine Sendung angegriffen, in der schon echte Nachrichten und Weltereignisse mit fiktionalen Geschichten verwoben wurden. Echte Nachrichtensprecher und Ausschnitte von realen Ereignissen wurden regelmäßig in die Serie eingebaut. ,,Murphy Brown" etablierte sich als politischer und kultureller Iterator, der den normalen Informationsfluß von oben nach unten ignorierte. Sobald Quayle seine Immundefizite gegen Medienviren in der ihn umgebenden Kultur bewiesen hatte, wurde er schnell von ihnen demontiert und vernichtet.

Es ist möglich, daß die Republikanische Partei die Opferung von Quayle an die Medien als kalkuliertes Risiko in einem verzweifelten Wahlkampf eingegangen war. Er wurde in ein Medienvirus verwandelt, damit seine Person als Waffe gegen das liberale und gegenkulturelle Establishment in die Datensphäre eingeführt werden konnte. Seine Glaubwürdigkeit war schon angekratzt; er wurde möglicherweise als verzichtbar betrachtet. Quayle wurde jedenfalls, ob bewußt oder nicht, gebraucht, um Gegner in den Medien aufzustacheln und anzugreifen. Weil es sich eher um Medienangriffe als um persönliche handelte, verdeckten sie in einem Krieg gegen Ideen und Bilder statt gegen reale Personen die fragwürdigeren konservativen Ideologien.

Der größte Teil von Quayles Aktivität kann auf diese einfache Strategie reduziert werden. Der Murphy-Brown-Virus war ein Argument gegen die Abtreibung, die Frauenrechte, gebildete Menschen und die Nachrichtenmedien selbst. Er sollte glaubhaft machen, daß die Reichen und Gebildeten in unserer Gesellschaft die Unmoral verklären und daß diese Unmoral soziale Gebrechen nach sich zieht wie Schwangerschaften im Jugendalter, Armut und Rassenunruhen. Da Clintons Wahlkampf sich stark an die Unterhaltungsbranche anbiederte, hofften die Republikaner die Popularität Clintons in Hollywood umzukehren, indem sie das Showbusiness mit antifamiliären Werten gleichsetzten. Viele, aber nicht alle Angriffe Quayles auf die kulturelle Elite zielten auf die Unterhaltungsindustrie.

Die New York Times begann über Quayles Gegner Buch zu führen. In einem Teil, überschrieben AUF QUAYLES LISTE: EIN RAPPER UND EINE PLATTENFIRMA, berichtete die Times: ,,Vizepräsident Dan Quayle richtete einen an Familienwerten orientierten Blick auf jemanden, den er für einen neuen Dämon in der Unterhaltungsbranche hält ... er nimmt jetzt einen Rapmusiker aufs Korn, Tupac Amaru Shakur, und dessen Plattenfirma, Interscope Records of Los Angeles." Eine der Platten von Shakur, Apokalypse Now, enthielt eine Textpassage mit der Stelle ,,den Bullen fertigmachen", und in Houston war ein Milizangehöriger von einem Mann totgeschossen worden, der sagte, er habe dabei den Song gehört. Quayle sagte seinen Zuhörern in Houston nach einem Besuch der weinenden Tochter des Beamten nicht (jedenfalls nicht direkt), daß Frederick W. Field, der Geschäftsführer von Interscope Records, gerade eine Woche zuvor einen Spendeneintreiber für den Clinton-Wahlkampf empfangen hatte. Während Quayle ein armes, vaterloses Kind bedauerte, machte Clinton gemeinsame Sache mit den Leuten, die Schwarze dazu brachten, Morde zu begehen.

Bush griff das Thema der fragwürdigen Haltung der Demokraten in Sachen Kriminalität indirekt auf, indem er Anwälte aufs Korn nahm, die er mit den bekannten falschen Werten in Verbindung zu bringen versuchte - in diesem Fall mit Homosexualität, New Yorkern und Habgier. In seiner Rede vor dem republikanischen Wahlkongreß sagte Bush, daß scharfe Anwälte in ,,fransenbesetzten Mokkasins" herumrennen und Trainer der Little League mit persönlichen Beleidigungsklagen bedrohen. Das Bild ist deutlich, besonders im Zusammenhang mit einem Kongreß, der ,,schwul" und ,,New York" schon mit dem moralischen Zerfall der Nation gleichgesetzt hatte. Die Fransen sind ein Schlüssel zum Verständnis der Andeutung, daß diese Männer keine ,,richtigen Männer" seien. Inzwischen hindern diese Tunten richtige Männer daran, ihre Macho-Aktivitäten zu betreiben, wie Baseball in der Little League.

Wenn diese Geschosse auf dem Wahlkongreß auch noch Beifall hervorriefen, schienen die Medien und die meisten Amerikaner sich doch im klaren über Bushs Technik zu sein. ,,Die Helfer des Präsidenten haben etwas gefunden, das nach ihrer Ansicht auf die Wähler noch abschreckender wirkt als Willie Horton: Anwälte", faßte die Times am nächsten Tag auf ihrer Titelseite kurz zusammen. Die Zeitung ging sogar noch weiter bis zum Kern des Virus und zitierte: ,,Jüngste Meinungsumfragen legen nahe, daß Amerikaner Anwälte zutiefst ablehnen und das Gefühl haben, die Gesellschaft sei, mit den Worten eines Wahlkampfhelfers von Bush, ,klagefreudig`, was für eine Parteikampagne ausgeschlachtet werden könne." Sie fährt - und das in einem Artikel, nicht in einem Kommentar - mit der sarkastischen Bemerkung fort: ,,Auf der politischen Bühne hat der Bush-Wahlkampf einen Merkspruch des Wahljahrs entwickelt, der an Ionesco heranreicht: Mr. Clinton ist ein Anwalt. Anwälte sind böse. Mr. Clinton ist böse."

Da die Times den Bush-Wahlkampf nicht unterstützte, war ihre Ablehnung seiner Ansichten weniger interessant als ihr Bemühen, seine Taktik zu sezieren. Dies war ein Artikel über ein Medienvirus, geschrieben für ein Publikum, das sich mehr Gedanken über das Funktionieren der Medien machte als über bestimmte Inhalte. Dazu lehrte die Times ihre Leser, imkompetent formulierte Medienviren zu durchschauen, die eher zu einer Vereinfachung von Problemen als zur Darstellung ihrer Komplexität neigten. Das wirkliche Medienvirus war hier, daß der Bush-Wahlkampf sich Zielgruppen suchte, die er so herausstellen konnte wie Willie Horton im Jahr 1988. Aber man schrieb nicht mehr das Jahr 1988, und das Spielfeld hatte sich geändert.

Der republikanische Wahlkampf stützte sich auf eine veraltete PR-Taktik. Bushs Planer waren es gewohnt, ihre Angriffe gegen progressivere Gegner zu lancieren, indem sie liberale Ziele mit Unmoral gleichsetzten und Haßkampagnen im Mantel höherer Tugenden in Gang setzten. Die Village Voice schrieb dazu: ,,Da der Antikommunismus nun nicht mehr zieht ... müssen neue Gegner aufgebaut werden ... Was ihnen bleibt, ist Schutzgelderpressung. Mit ein paar Buhmännern, die so überzeugend sind wie der abgetakelte russische Bär, hofft die Republikanische Partei jetzt an Quantität zu gewinnen, was sie an Qualität verloren hat. Aus einem Noriega oder einem Saddam läßt sich nur kein unbegrenztes Kapital schlagen, und daher stehen auf der Liste: die Medienelite, die Hollywood-Elite, Pornographie, Drogenkönige, Murphy Brown, Woody Allen, Hillary Clinton und die ganze ,radikalliberale Demokratische Partei`, Schwule, Lesben, Sozialhilfe-Mütter, Fürsprecher von Kriminellen, Kriminelle, Großstädter und - in bester Tradition der sowjetischen Generale - die Veränderung selbst."

Ein Wahlkampf mit vielen Gegnern förderte die Abspaltung vieler früher loyaler Republikaner. Schwule Republikaner fühlten sich gezwungen, die Partei zu verlassen, ebenso viele Frauen. Viele Mitglieder, die zumindest heimliche Anhänger von Figuren auf Bushs schwarzer Liste waren, gingen scharenweise. Noch schlimmer für Bush war, daß Amerikaner, die das Medienspiel durchschauten, die republikanische Taktik ablehnten und nach Kandidaten Ausschau hielten, die die Wähler direkter ansprachen, statt einfach Mediengeschosse auf ihre minderwertigen Gegner loszulassen.

Talkshowkandidaten

Ross Perot war derjenige, der die größte Veränderung in der Beziehung der Kandidaten zu den Medien erzeugte, und Clinton wahrscheinlich derjenige, der am meisten Kapital aus dieser neuartigen Beziehung schlug. In ,,Larry King Live" im Februar 1992 war Ross Perot der erste wichtigere Kandidat, der seine Bewerbung für das Weiße Haus in einer Fernseh-Talkshow ankündigte. Er nahm Telefonanrufe von Zuschauern an, sprach in einfachem Englisch und erwies sich als Mann, der die amerikanische Öffentlichkeit auf eine direkte, unvermittelte Weise ansprechen wollte. Die anderen Kandidaten im Präsidentenbridge waren gezwungen, mit ihm Schritt zu halten. Bush war der Verlierer, und Clinton spielte Trumpf.

Clinton, der im selben Monat bezichtigt worden war, sich vor der Einberufung gedrückt zu haben und fremdgegangen zu sein, hatte in seiner eigenen Schlacht gegen die Medien seine schwächste Phase. Er selbst formulierte das so: ,,Zur Zeit der ersten Vorwahl im Februar bekam ich eine schlechte Presse, und niemand wollte mehr über die Probleme reden. Ich fragte mich, ob die Wähler das auch so sahen. Daher begann ich mit Stadthallenversammlungen, wo ich einfach nur erschien, zehn Minuten redete und dann eine Stunde lang Fragen beantwortete." Daß Clintons ,,Stadthallen" unmittelbar auf Perots Larry-King-Auftritt folgten, ist mehr als ein Zufall, reicht aber nicht zur Darlegung seiner Wahlkampfstrategie aus. Clintons Mannschaft, die bemüht war, ihn aus der Reichweite von Journalistenfragen nach seinem Privatleben zu bringen, setzten darauf, daß sich die Öffentlichkeit mehr um soziale und ökonomische Fragen Sorgen machte (ein Beispiel war der von James Carville eingeführte Wahlkampfslogan ,,Es ist die Wirtschaft, Dummkopf") als um das Sexualleben des Kandidaten. Glücklicherweise hatten sie recht.

Clinton erklärte seine Umgehung der Presse bezeichnenderweise in einem Interview mit der Programmzeitschrift TV Guide: ,,Ich befürworte die Wachhund-Funktion durchaus. Aber sie geht oft, auf der Suche nach Schlagzeilen, zu weit. Beispielsweise die fehlenden Seiten meiner Akte im Innenministerium - das war ein Ding, womit Newsweek Wirbel erzeugte. Da gab es dann diese seriösen Reporter, die mich deshalb schlachten wollten - während gleichzeitig die Wirtschaft am Boden lag und monatlich 100 000 Leute aus der Krankenversicherung herausfallen ... Und ich soll diese Leute als unsere einzigen Mittelsleute zu den Wählern dieses Landes ernstnehmen? ... Wer sich ausschließlich durch diese Mittelsleute dem amerikanischen Volk nahebringen läßt, ist verrückt."

Clinton nahm mit seinem amerikanischen Zuschauerpublikum über sehr ungewöhnliche Foren Kontakt auf. Er trat bei Arsenio Hall auf, trug dort eine dunkle Sonnenbrille und spielte sein Saxophon, und er leitete sogar eine Diskussionsrunde mit Teenagern in MTV. ,,Wenn die Leute auf dieses Jahr zurückblicken und fragen: ,Was ist denn nun tatsächlich passiert?` " sagte Clinton nach dem Wahlkampf, ,,glaube ich, daß die Zwei-Wege-Kommunikation im Fernsehen zwischen dem Kandidaten und dem Volk die Antwort sein wird. Arsenio und MTV boten mir die Gelegenheit, direkt mit jüngeren Wählern zu kommunizieren, die möglicherweise nur zum Teil Nachrichten sehen oder Zeitungen lesen. Wenn Leute mit mir über Arsenio reden, reden sie nicht darüber, was sie darüber gelesen oder gehört haben; sie sagen mir, was sie dort gesehen haben."

Clinton hob zwei wichtige Punkte seiner Kandidatur über seinen unorthodoxen Medienwahlkampf hervor. Indem er auf die Fernseh-Marktplätze ging, zeigte er seinen Willen, eine direkte Verbindung mit einem Publikum aufzunehmen, das an realen Problemen interessiert war und unzufrieden mit den Medien, die es in den letzten Jahrzehnten löffelweise mit Skandalen gefüttert hatte. Clinton wußte außerdem, daß er es mit einer postliteraten Kultur zu tun hatte. Es gab viele Wähler, die ihre Informationen über die Vorgänge in der Welt nicht aus Zeitungen oder aus den Fernsehnachrichten bezogen. Clinton sprach diese jüngeren Wähler an, indem er in den Medien erschien, die sie beachteten. Einfach dadurch, daß er MTV und die politischen Haltungen seiner Zuschauer ernstnahm, demonstrierte Clinton seinen Willen, sich mit Problemen zu befassen, die von anderen Kandidaten nicht beachtet wurden.

Er demonstrierte auch seinen Willen, menschlich zu erscheinen. Als einer von uns. Er gab zu, ein Elvis-Presley-Fan zu sein, und als ihn das Pressecorps schon heimlich ,,Elvis" nannte (weil er so spöttisch lächelte wie der Sänger), sang der Kandidat in einem CNN-Interview eine Strophe von ,,Don't Be Cruel". Bush versuchte, das gegen Clinton zu benutzen. ,,Er hat schon mehr Orte heimgesucht als Elvis Presley", sagte Bush. ,,Amerika wird im Heartbreak Hotel absteigen. Ich weiß jetzt, warum man sagt, er sei wie Elvis. Sobald er auch nur für eine Minute eine Position bezieht, beginnt er, hin- und herzuwackeln." Bush tat sich jedoch mit solchen Kommentaren nur selber weh. Niemand kann ungestraft über den King herziehen und dann noch mit den Stimmen weißer Südstaatler rechnen. Seine Kommentare ließen ihn wieder als reaktionären, impotenten Kandidaten erscheinen, dessen einzige Alternative darin bestand, die Männlichkeit seines Herausforderers anzugreifen.

Vom männlichen Standpunkt aus war diese Schlacht kein echter Wettbewerb. Clinton schuf durch seine Aktionen Medienviren, während Bush und Quayle Wörter verwendeten, um die Viren anderer zu kooptieren oder zu neutralisieren. Clinton, der zunächst Perots Beispiel folgte, wurde gewahr, daß er die traditionellen Medienkanäle, die die Kampagne gegen seine persönlichen Schwächen führten, umgehen und sich gleichzeitig nicht so sehr mit Worten - die Leute sehen eher fern und hören nicht unbedingt zu -, sondern mit Aktionen neu erfinden mußte. Statt die Darstellungsmöglichkeiten der Fotografie zu nutzen wie seine demokratischen Vorgänger (Dukakis posierte in einem Militärpanzer, Carter in seinem Erdnußfeld), bestand Clintons Medientaktik aus seinen Erklärungen. Seine Botschaft war Bestandteil seiner Fernsehauftritte. Hier war ein Kandidat, der sich nicht scheute, sich mit dem Publikum der ,,Phil Donahue Show" Auge in Auge auseinanderzusetzen, sich den Anrufern bei ,,Larry King" zu stellen oder der Jugend von MTV. Er demonstrierte auch sein Vertrauen in die Intelligenz des Publikums im allgemeinen. Er bat die Zuschauer an die Stelle der Mittelsleute der Medien - und das nicht, indem er die Presse wie Bush partisanenhaft angriff, sondern durch die direkte Ansprache der Leute durch interaktive Medien.

Bush trat schließlich bei ,,Larry King Live" und in der rechtslastigen Radiosendung von Rush Limbaugh in Erscheinung, aber erst nachdem die anderen beiden Kandidaten die Einzigartigkeit solcher Auftritte zerstört hatten. Er versuchte offenkundig aufzuholen. Um sich irgendwie doch noch in die modernen Medien hineinzuhieven, trat er in einem seltsamen Werbespot auf, der an die Fernsehserie ,,Max Headroom" erinnerte. In Computerforen hieß der Spot ,,Virtual Bush". Er war eine alptraumhafte schnelle Video-Schnittfolge mit Szenen vom Golfkrieg, Computerbildschirmen und Fernsehmonitoren, auf denen Bushs grob gerastertes Bild langsam in die volle Auflösung überging. Der Beitrag endete mit dem Wort ,,BUSH", das auf einem Computerbildschirm getippt erschien, als ob der Präsident die Datensphäre selbst in Form eines reinen, körperlosen Bewußtseins infiltriert hätte. Was Bush zu allerletzt bei seinem Bemühen um die Manipulation der aktuellen Medien gebraucht hätte, war eine so unnatürliche und abseitige Präsentation in der Sphäre, die an die Stelle der ihm vertrauten politischen Welt getreten war. Dieser Wahlkampf wurde von Leuten gewonnen, die in der neuen Medienwelt zu Hause waren.

Der Moment, in dem Clinton die Wahl tatsächlich entschied, war nach Darstellung von Time der Abend der zweiten Präsidentschaftsdebatte, als die Kandidaten gezwungen waren, die traditionellen Diskussionstechniken hinter sich zu lassen und statt dessen in einem marktplatzähnlichen Forum aufzutreten. Die Moderatorin und Gastgeberin Carole Simpson diente als Mittlerin zwischen einem durch Gallup-Umfrage ermittelten ,,unentschiedenen" Studio-Publikum und den drei Hauptkandidaten, zwischen denen sie wählen sollten. Sie schritt mit einem Mikrophon durch das Publikum, ermutigte Fragen und fügte eigene hinzu, wenn die Kandidaten nicht zufriedenstellend antworteten. Besonders vernichtend für Bush, der sich auf die Taktik der Angriffe auf den Charakter von Clinton beschränken wollte, war Simpsons sofortige Aufforderung an ihr Publikum, seine Gefühle über Schlammschlachten mitzuteilen. ,,Die Kandidaten haben eine deprimierende Menge Zeit in diesem Wahlkampf damit verbracht, den Charakter ihrer Gegner und deren Programme herabzusetzen", erklärte eine Zuschauerin. ,,Warum können unsere Diskussionen und Vorschläge nicht die tatsächliche Komplexität und Schwierigkeit der Probleme berücksichtigen, um dann zu versuchen, einen Konsens über die besten Seiten aller Vorschläge zu finden?" Ein sehr aufgeklärter Standpunkt.

Bushs Antwort galt der Verteidigung seiner Taktik, nicht so sehr dem Bedürfnis des Publikums. ,,Sie können es Ringen im Schlamm nennen, aber ich halte es für fair, so etwas zu beleuchten", sagte der Präsident. Clinton hingegen zeigte sich von der Frage erfreut und versuchte, deutlich zu machen, daß dieses offene Forum die von ihm bevorzugte Veranstaltungsform war. Er hoffte sich wirklich in einer interaktiven Datensphäre einrichten zu können:

,,Ich glaube so sehr an die Frage, die Sie gestellt haben, daß ich diese Form heute abend vorgeschlagen habe. Ich habe diese Form vor einem Jahr in New Hampshire zum ersten Mal praktiziert. Und ich habe große Menschenmengen vorgefunden, weil ich die Leute einfach fragen ließ und mich um möglichst genaue Antworten bemüht habe ... Ich hoffe, der Rest des Abends gehört Ihnen." Clintons Antwort war stark, weil sie das unterschwellig beim Publikum vorhandene Bedürfnis anerkannte: einen Kandidaten zu finden, der gewillt war, sich der Komplexität der heutigen Probleme in einer modernen, partizipatorischen Mediensphäre zu stellen.

Dieser Spalt zwischen Clinton und Bush weitete sich am selben Abend später noch aus, als eine schwarze Frau aufstand und einfach fragte: ,,Wie hat die nationale Verschuldung Ihr jeweiliges persönliches Leben berührt?" Der Präsident war verblüfft. Er setzte dreimal zu einer Antwort an, stotterte und gab schließlich zu: ,,Ich bin nicht sicher, daß ich das begriffen habe. Helfen Sie mir mit der Frage, und ich werde versuchen, sie zu beantworten." Bush war in Panik geraten.

,,Bush hat gerade die Wahl verloren", verkündete James Carville, Clintons Wahlkampfmanager, als er Bush stolpern sah. Clinton jedoch hatte sich gerade auf einen solchen Augenblick vorbereitet. Er verließ das Podium und ging so weit ins Publikum hinein, um der Frau möglichst nahe zu sein, daß die Fernsehkameras gezwungen waren, ihn von hinten aufzunehmen. Er zerbrach die unsichtbare ,,vierte Wand" zwischen den Akteuren und dem Publikum. Er unternahm eigene Schritte zur Neudefinition des Mediums. ,,Clinton stellte die Verbindung her", verkündete Time. Was er über ,,persönliches Verständnis" der Ansprüche von ,,wirklichen Menschen" sagte, war viel weniger wichtig als der Auftritt, den er dazu lieferte. Er kommunizierte nicht über die Medien, sondern mit dem Medium. Bush beendete die Debatte, indem er nervös auf seine Uhr sah, wobei er sich offenbar wünschte, daß die Qual ein Ende hätte, und merkte scherzhaft, aber pathetisch an, daß Barbara Bush im Präsidentenamt wahrscheinlich besser wäre als er selbst. Der Blick auf seine Armbanduhr wurde in jeder Nachrichtensendung wiederholt, als Symbol dafür, daß die Zeit für ihn gekommen sei, die politische Bühne zu verlassen. Er war weg vom Fenster wie ein Stummfilmschauspieler in der technischen Welt der Tonfilme.

Clinton hingegen wußte auf dem neuen Medienozean zu navigieren, auch wenn er keiner der Männer war, die Pionierarbeit dafür geleistet hatten.

Ruf deinen Präsidenten an: Das Perot/Brown-Virus

Jerry Browns Präsidentschaftswahlkampf begann mit einem einfachen und unkomplizierten Medienvirus: 1-800-426-1112. Die Ankündigung seiner Kandidatur - die er im Oktober 1991 auf den Stufen der Independent Hall in Philadelphia machte - war eine Unabhängigkeitserklärung gegenüber der traditionellen Wahlkampffinanzierung, die nach seiner Überzeugung die Wurzel fast allen politischen Übels war. Über Browns Direktleitung konnten Bürger an der Basis unmittelbar auf einen Kandidaten reagieren, der die Rechte der Individuen und nicht die der großen Konzerne oder Interessengruppen unterstützte. Wahlkampfspenden waren auf 100 Dollar begrenzt. Browns Wahlkampf war eine Finanzierungsaktion.

,,Ich möchte Präsident werden", berichtete er uns, ,,weil ich glaube, daß dieses Land eine echte politische Entscheidung braucht. Bei dieser Wahl muß es um mehr gehen als um das Gerangel zwischen demokratischen Insidern und republikanischen Insidern um einen schrittweisen Wandel. Es ist Zeit für eine Entscheidung. Das alteingesessene politische Establishment und seine Medien glauben, daß unser Land auf dem richtigen Kurs ist und daß seine Probleme mit schrittweisen Bemühungen gelöst werden können. Wenn Sie daran glauben, dann wählen Sie mich bitte nicht. Wenn Sie jedoch Ihr Herz befragen und meine Botschaft Sie anspricht - dann sage ich Ihnen, daß es nicht genügt, mir Ihre Stimme zu geben. Wenn Sie mit mir meine Vision teilen, dann müssen Sie sich an meiner Kandidatur beteiligen. Die Zeit ist reif für eine Entscheidung: Bleiben Sie bei denen oder schließen Sie sich uns an ... Ich stelle das Recht des Washingtoner Establishments nicht in Frage, Kritik zu üben, alles genauestens zu untersuchen oder sich Meinungen über den Sinn und die Machbarkeit zu bilden. Es ist deren Privileg zu glauben, daß nur kartenbestückte Mitglieder der Altparteien eine Wahl verdienen. Wenn sie sich jedoch selbstherrlich die Entscheidung über die Rechtmäßigkeit anmaßen und darüber bestimmen, wer überhaupt gehört wird und wer nicht, dann rauben sie den Wählern etwas, das ihnen gehört - das Recht auf eine Entscheidung."

Browns Botschaft war von ihrem Konzept her virenhaft. Wie jedes andere voll entwickelte Virus bestand seine Botschaft in seiner Entwicklung. Wenn er vom Unterschied zwischen der traditionellen, ,,schrittweisen" Veränderung und seinem eigenen Plan für Veränderungen sprach, entwarf er einen Paradigmawandel. Seine Kandidatur forderte einen Wandel in der Betrachtung des Politikmachens. Es war eine Abkehr vom linearen Schritt-für-Schritt-Denken in Richtung eines umwälzenden, vielleicht sogar chaotischen Vorwärtsdrängens. Er betonte die Schwächen des etablierten politischen Systems - daß sich Menschen übergangen fühlten -, indem er den Bürgern die Gelegenheit bot, über ihre eigenen Telefone eine Rückkopplung herzustellen. Er forderte die Wiederaneignung des Rechts auf ,,Feststellung der Rechtmäßigkeit", das von den Medien und den etablierten wirtschaftlichen und politischen Einrichtungen usurpiert worden sei.

Als Brown in der ersten Debatte der Demokratischen Partei auftrat, setzte er sich über die offizielle Versammlung hinweg, indem er ein Schild mit seiner 800er Nummer emporhielt und Anhänger um einen Anruf bat. Oberflächlich war das eine Bitte um Spenden. Aber die Meme in diesem Virus reichten weiter. In ihnen symbolisierte sich die Botschaft von Browns ganzem Wahlkampf: ,,Wer die Wahrheit sagt, soll an die Macht." Als Medienvirus funktionierte sie. Am Tage nach den Debatten brachten die meisten Zeitungen das Fernsehbild mit Brown, der sein Schild hochhielt. Er - und sein brillanter Berater Pat Cadell - wußte, daß die Medien sich in ein selbstbespiegelndes Forum verwandelt hatten und daß jene, die sie wahrnahmen und ,,machten", ein größeres Interesse an ihrer Funktionsweise und ihrem Wandel als an ihren Informationsgehalten hatten. Dieser Wahlkampf ging darum, auf welche veränderte Weise Wahlkämpfe geführt werden. Es war ein Meta-Wahlkampf, deshalb konnte er seine Meme auf eine sehr chaotische Weise durch die Medien verbreiten.

Browns junge Wahlkampfmanagerin Jodie Evans berichtete, daß ihre 800er Nummer 120 000 Spender angezogen habe. Als sie im Oktober 1992 von Campaign Magazine interviewt wurde, zeigten sich die Redakteure deutlich beeindruckt und sogar überrascht vom Erfolg dieser einfachen Taktik. ,,Nach den Standards der modernen politischen Logik hätte das ein Fehlschlag werden müssen. Dieser Knalleffekt, der sich in barer Münze auszahlte, hat in der neueren Geschichte der Präsidentschaften kein Vorbild", ereiferte sich die Zeitschrift. Campaign begriff nicht, daß die moderne politische Geschichte einer grundlegenden Veränderung unterworfen war. Die Herausbildung eines zweigleisigen Medienkosmos hat die Selbsteinschätzung der Menschen in Bezug auf ihre Fähigkeiten, ihre Ansichten dem Fernseher und den Politikern in ihm zurückzuvermitteln, verwandelt.

Evans benannte das so: ,,Statt Stimmen über bezahlte Medien zu kaufen - unter Verwendung von Zielgruppengeld -, sprach er [Brown] von der Notwendigkeit, sich einzusetzen und einer großen Masse von Menschen, die nicht gehört wurde, eine Stimme zu verleihen. Das wurde die große Kraftquelle eines Wahlkampfs, der aus dem Nichts zu kommen schien: die Macht der Menschen, die ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen wollten." Etwas so Geringfügiges wie der Flügelschlag eines Schmetterlings konnte so sehr iterieren, daß Systemveränderungen möglich waren.

Browns Kampfgefährte, eine guruartige philosophische Erscheinung namens Jacques Barzhagi, hatte eine Idee, wie die Gesetze des Chaos benutzt werden konnten, um das Paradigma des politischen Wahlkampfs zu verändern. Er verteidigte den offenkundigen Mangel an Zusammenhalt in der Organisation von Brown damit, daß er sich auf die Gesetze der systemischen Mathematik berief. ,,Was Ihnen als äußerstes Chaos in unserem Wahlkampf erscheint", erzählte er einem Reporter, ,,ist in Wirklichkeit sorgfältig geplantes, dynamisches Chaos." Die Wahlkampagne benutzte selbstbewußt viele der neuen Technologien der Datensphäre, um einerseits ihre Botschaft zu verbreiten, andererseits aber auch, um zu demonstrieren, daß Individuen direkt in den Medien partizipieren können. Als Teil eines umfassenden Programms mit dem Titel ,,Wir sind die Presse" ermutigte die Wahlkampforganisation Briefe an die Redaktion, frei zugängliche Videos, Faxsendungen und Diskussionsforen im Internet, bei CompuServe und in Computer-Mailboxen.

Browns Wahlkampf basierte darauf, den Wunsch der Menschen zu befriedigen, am Prozeß der Wahl wirklich beteiligt zu sein. Es ist ja auch ein gutes Gefühl, mitspielen zu können und nicht nur an der Seitenlinie zu stehen. So ist es auch aufregender, durch das Aufstellen von neuen Spielregeln Veränderungen anzuzetteln. Die anderen Kandidaten erhielten das Etikett des ,,schrittweisen Wandels", weil sie innerhalb des Systems arbeiten wollten. Jerry, wie seine Fans ihn nannten, wollte das Spielfeld selbst ändern. Es ging um absolute Veränderungen. Jerrys Kandidatur war ein Beleg für die Worte von Jodie Evans: ,,Der Status Quo ist auf der Verliererstraße."

Zu Browns Nachteil glaubten die Leute nicht, daß die von ihm angestrebte Veränderung von einem Politiker einer etablierten Partei bewirkt werden könnte. Obwohl er das System verändern wollte, hatte er schon das Amt des Vorsitzenden der Demokratischen Partei innegehabt und hoffte immer noch, die Partei zur Unterstützung seiner neuen Ziele für die Nation hinter sich zu bringen. Doch die Partei sträubte sich; es gab dort ein Establishment wie überall woanders auch. Browns Wahlkampf schien die Burg niederbrennen zu wollen, während er sich gleichzeitig als neuer Monarch in ihr niederlassen wollte. Ein Virus mit einem so inkonsistenten Code kann kaum überleben. Die Nutznießer eines gegen das medizinische Establishment wirkenden Medienvirus können nicht gleichzeitig hoffen, Vorstandschefs eines Pharmakonzerns zu werden.

Brown fehlte es auch an der internen Organisation. Wie positiv oder sogar dynamisch chaotisch sie auch war, der Kampagne ,,Wir sind das Volk" fehlte die Führung. Obwohl das als positives Anzeichen betrachtet werden kann - es gab keine einschränkende Autorität und Sympathisanten konnten nach Belieben selbstorganisierte Substrukturen bilden -, ließ es die Kampagne diffus und ziellos erscheinen. Brown verstand es sehr gut, sein Virus zu verbreiten, dessen Meme aber waren schwach und schlecht definiert. Noch schlimmer, die grundlegenden Operationen seines Wahlkampfes waren schlecht organisiert. Sogar Zeitungen, die Brown interviewen wollten, hatten Schwierigkeiten, an den Kandidaten heranzukommen, feste Verabredungen zu treffen oder Wahlkampfmaterial zu erhalten. Brown ist ein umgänglicher, charismatischer Typ, dessen Anhänger teilweise eher wie Groupies wirkten und nicht wie verantwortliche Planer. Er hatte sein Büro in einer reizenden alten Feuerwache in San Francisco, und seine Mitarbeiter kamen sich dort eher vor wie bei einer neuen Plattenfirma als bei einer Präsidentenwahl. Die meisten von ihnen waren dabei, weil sie Brown zustimmten, aber Browns Philosophie war es, sie den Wahlkampf ohne eine hierarchische Lenkung machen zu lassen. Das Ergebnis war, daß nichts wirklich unter Kontrolle war.

Wenn Menschen entschlossen sind, das System zu Fall zu bringen, müssen sie das Gefühl haben, daß es etwas Sicheres gibt, das sie an dessen Stelle setzen können oder daß zumindest jemand da ist, der weiß, wie man die Maschine zum Laufen bringt. Hier folgt jetzt der Auftritt von Ross Perot, des besten Virus im 1992er Wahlkampf, wenn nicht gar dessen bester Kandidat. Perot stand für die durchgreifendsten Veränderungen, aber war verpackt als alltäglicher und unbedrohlicher, süßer alter Texaner. Sein beruhigendes Alter und seine Umgangsformen waren der perfekte Ausgleich für seinen radikalen Ruf nach einem Paradigmawechsel.

Perots Wahlkampf funktionierte so gut, weil er nicht als Akt des Widerstands aufgeführt wurde. Wo Brown erbost zu sein schien, wirkte Perot einfach nur amüsiert. ,,Lassen Sie uns die Haube öffnen", sagte er, ,,und nachsehen, was darunter nicht stimmt und es dann reparieren." Perots Medienauftritte entsprachen einem revolutionären Kalkül, wirkten aber wie eine an Tatsachen und der Nützlichkeit orientierte Strategie. Er kündigte seine Kandidatur in ,,Larry King Live" an, nachdem ihn sein Gastgeber 45 Minuten lang gestichelt hatte - so als wäre die Entscheidung spontan während der Sendung gefallen. Anders als Brown griff Perot die etablierten Mediengewohnheiten nicht an; er trat einfach zur Tür herein und erfand neue.

Größtenteils wirkte Perot wie ein fähiger Führer. Wenn er so anstrengungslos einen revolutionären Wahlkampf führen konnte, wäre er wohl auch imstande, einige der eingefahrenen Muster in Washington zu ändern. Der Schein trog etwas. Perots Wahlkampf war alles andere als anstrengungslos oder aus der Gunst der Stunde entstanden. Perot war nicht nur ein Milliardär, er hatte auch eine große Computerfirma geleitet und verstand das komplizierte und im Fluß befindliche Verhältnis zwischen Menschen, ihrer Technologie und den Medien. Es paßte zu Perot, daß er seine Kandidatur über CNN ankündigte, die erste internationale Kabelfernsehstation, und dazu noch in einer interaktiven Show mit Zuschaueranrufen. Das war auch die Plattform, von der aus Perot sein umfassendstes Virus starten konnte: die Teledemokratie.

Während die Idee elektronischer ,,Bürgerversammlungen" mit Buckminster Fuller begann (der diese ebensogut am Esalen Institut entwickelt haben könnte), erlaubten es Perot seine Kenntnis der Computersoftware und der Möglichkeiten der Kommunikationstechnologie, die Idee als konkrete Alternative zu unserem gegenwärtigen repräsentativen System in Washington vorzustellen. Der erste Hinweis auf seine Absichten zur Neugestaltung der Rückkopplungsschleifen der Nation ergab sich durch die Art und Weise, in der er sich als Kandidat vorstellte. Er ließe sich nur aufstellen, sagte er Larry King, wenn Menschen in allen fünfzig Staaten ihn auf den Wahlzettel schrieben. Er würde nur auf der Grundlage des kollektiven Willens der Amerikaner handeln. Wie Brown richtete er eine 800er Nummer ein, die innerhalb weniger Tage 96 Leitungen schaltete. Als das noch nicht ausreichte, vereinbarte er mit dem Home Shopping Club das Leasing von 1 200 weiteren Leitungen, auf denen bis zu 250 000 Anrufe an einem einzigen Tag entgegengenommen wurden. Die aktuelle Kulturtechnik des Alltags hatte sich über Nacht in ein interaktives Forum für einen unabhängigen politischen Kandidaten verwandelt.

Wie Bucky Fuller, der wegen seiner optimistischen Sicht der Rolle der Technik und der Medien beim Bau unserer Zukunft kritisiert wurde, hatte Perot ein eingewurzeltes tiefes Vertrauen in die positive Macht der Medien. Schon 1970 hatte Perot Ted Koppel im ABC-Fernsehmagazin ,,Issues and Answers" erzählt: ,,Wir wollen das Fernsehen benutzen, das wir für das mächtigste soziale Instrument halten, das jemals entwickelt wurde, um das amerikanische Volk aufzurütteln und zu informieren, um dem amerikanischen Volk wieder eine Stimme für die Belange des einzelnen zu geben." 1992 war die Technik soweit. Perot ging daran, direkt übertragene, interaktive Foren einzurichten - elektronische Bürgerversammlungen -, in denen Bürger über Satellit im Fernsehen über die sie drückenden Probleme diskutieren konnten. Kongreßleute aus den jeweiligen Bezirken konnten zusehen und auch teilnehmen und so die Ansichten ihres Wahlvolkes angemessener vertreten. ,,Wir werden dem Volk eine Möglichkeit zur Reaktion bieten, und wir werden imstande sein, diese Reaktion für die einzelnen Abgeordnetenbezirke gesondert darzustellen", erklärte Perot.

Der Vorschlag wurde sogar von Zeitschriften wie The New Yorker gelobt: ,,Die Idee verdient eine ernsthafte Prüfung, weil wir aus dem 1992er Wahlkampf zumindest soviel lernen können, daß den meisten Amerikanern die gegenwärtig praktizierte nationale Politik fremd ist und daß es notwendig ist, Wege zu finden, sie wiedereinzubeziehen. Es hilft nicht viel weiter, einfach nur die Akteure auszuwechseln. Die Umfragen weisen auf ein tiefsitzendes Ungenügen hin, das weit über die Kandidaten hinausreicht." Elektronische Bürgerversammlungen verhinderten, so argumentierte The New Yorker weiter, daß Probleme zu sehr vereinfacht oder emotionalisiert würden. ,,Solche Versammlungen setzen die Menschen dem Widerstreit von Argumenten aus und bringen sie zum Nachdenken über ihre Vorlieben, bevor sie wählen. Das Letzte, was einer Demokratie fehlt, sind Menschen, die aus dem bloßen Gefühl oder ersten Impulsen heraus wählen, bevor sie eine Gelegenheit hatten, diese zu reflektieren und sie mit anderen zu diskutieren."

Perots Idee bestand darin, das gegenwärtige politische System zu demontieren und den es umgebenden Medienapparat umzuorientieren. Statt die Machthaber anzugreifen, bezeugte er ihren Problemen seine Sympathie. Dabei schützte er sich selbst durch eine einfache Gesprächshaltung. ,,Gute und wunderbare Menschen kommen nach Washington und sind umzingelt von Interessenvertretern. Und nach einer gewissen Zeit beginnen diese Leute da mitzumischen, weil man das Geld der Interessenvertreter braucht, um genügend Geld für den nächsten Wahlkampf zu haben. Sie brauchen soviel Geld, weil sie Fernsehwerbezeit kaufen müssen. Und plötzlich sitzen wir, die Wähler hier draußen im Lande, wie Schachfiguren, und sie versuchen uns zu steuern, wie man Roboter über das Fernsehen steuert. Ich glaube, das ist jetzt vorbei", sagte er zu Larry King, ,,und ich glaube, Ihre Art, mit den Leuten über das Fernsehen zu kommunizieren, ist einer der Gründe, warum das vorbei ist. Die Menschen wollen eine Stimme haben. Das ist eine magische Sache, daß Leute anrufen und reden können. Die Radio-Talkshows sind wirklich magische Sachen, wo Leute anrufen und eine Stimme haben. Die Menschen beschäftigen sich wirklich mit diesen Angelegenheiten. Mit unserer Stimme."

Perots Strategie bestand darin, dieses auf High-Tech basierende interaktive Konzept in jeder Facette seines Wahlkampfs spürbar zu machen. Statt per Flugzeug durch das Land zu reisen und Pressekonferenzen auf dem Rollfeld abzuhalten, sprach er lieber in Radiosendungen und Fersehshows mit dem Publikum, oft über Telefonleitungen oder über Satellit. Time beschrieb das so: ,,Ross Perot hat sich über Nacht in eine Art Schamanen des Fernsehzeitalters verwandelt, einen Wunderheiler, der die Leiden der Nation mit gesundem Geschäftssinn und seiner einfachen texanischen Sprache zu heilen verspricht." In der Woche vor der Wahl trat er in drei halbstündigen Werbesendungen im Fernsehen auf und benutzte dort Schautafeln und einen Zeigestock, um seine ökonomischen Pläne für die Nation zu erläutern. Wiederum nutzte er hier die uns vertraut gewordenen Medienforen als Marktplatz, um dem Publikum buchstäblich seine Ideen zu verkaufen. Das einzige Problem schien die bestehende Organisationsstruktur zu sein. Sobald die beseitigt wäre, könnten wir alle gemeinsam die Sache klären, durch den Einsatz der Do-it-yourself-Technik und ein wenig amerikanischer Erfindungsgabe.

Warum siegte Perot dann nicht? Er geriet in dieselbe Falle, in der sich viele der aggressivsten Virenerfinder verfangen: Paranoia. Viren sind da, um eine bestehende Organisationsstruktur zu zersetzen. Ihr Feind ist der gastgebende Organismus. Um einen wirksamen Strom von Memen zu erzeugen, muß man verstehen, an welchen Stellen die Organisationsstruktur des Zielorganismus funktioniert und an welchen nicht. Diese Art der Weltsicht gerät jedoch in die Nähe einer Konspirationsmentalität. Man bemerkt ganz leicht überall die Arbeit der repressiven hierarchischen Autorität. Die Schöpfer des Virus der ,,smarten Drogen" zum Beispiel sehen oft die Verbindung zwischen der FDA (Federal Drug Administration) und der pharmazeutischen Industrie als Verschwörung, die Amerikaner daran hindern soll, die potentiell billige Gesundheitsversorgung zu bekommen, die sie brauchen. Viele solcher paranoiden Aktivisten sind der Ansicht, daß das AIDS-Virus in einem afrikanischen CIA-Labour ausgeheckt worden ist. Die radikalsten Rap-Musiker glauben, daß die weiße Rasse satanisch sei, vom Teufel selbst geschaffen, um Schwarze an ihrer Entfaltung zu hindern. Bei den Hindernissen, vor denen diese Aktivisten stehen, ist es nicht überraschend, daß sie solche extremistischen Ansichten haben. Aber Paranoia und die Bewerbung um das Präsidentenamt passen nicht gut zusammen.

Perot hatte schon eine rekordverdächtige Geschichte im Hinblick auf Verfolgungen. Seine größten Bemühungen in Washington galten der Herstellung einer Lobby für mehr Nachforschungen nach Vermißten und Kriegsgefangenen, die er auch lange nach dem Krieg noch in Vietnam festgehalten glaubte. Seine Fähigkeit, das Bush-Regime zu analysieren und zu kritisieren, inspirierte viele, aber seine Angst vor der Macht dieses Regimes lähmte schließlich seine eigenen Anstrengungen. Er stieg für mehrere Monate aus dem Rennen um die Präsidentschaft aus, weil er vor möglichen Aktionen des Bush-Wahlkampfs gegen seine Familie Angst hatte. Als Perot den Wahlkampf wieder aufnahm, brauchte er eine Weile, um die Aufmerksamkeit der Medien von seiner Paranoia auf seine politischen Ziele umzulenken.

Darum nützten ihm persönliche und interaktive Foren so viel mehr als die eher formellen Interviews. Perots Zuschauerquoten schossen nach seinen Fernsehwerbekampagnen und aufgrund seines sich über alles hinwegsetzenden Gesprächsverhaltens in den Diskussionen in die Höhe - und das so sehr, daß das Clinton-Lager über die eigene Führungsposition in Zweifel geriet. Perots folgenschwerer Irrtum bestand darin, das er die Gelegenheit wahrnahm, sich in ,,60 Minutes" interviewen zu lassen, dem anerkanntesten Forum für Nachforschungs-Paranoia. Perot glaubte, sein Auftritt würde in den Rahmen einer Geschichte über schmutzige Tricks der Republikaner gestellt; als er bemerkte, daß das Interview ihn selbst mit seinen paranoiden Überzeugungen herausfordern sollte, nahm er sein Mikrophon ab und schickte sich an zu gehen. Er hätte seinen Medieninstinkten trauen und tatsächlich gehen sollen. Durch die Fortsetzung des Interviews und seine Verteidigung kam er am Ende heraus als ,,Inspektor Perot in einer von Verschwörern, Anzapfern und Saboteuren verseuchten Welt", wie Time den Fauxpas später kommentierte. ,,Seine Beweise waren schwach, seine Details gespenstisch: Es hat den Plan gegeben, so hatten gewisse ,Freunde` ihm berichtet, seine Tochter zu erschrecken, indem ihr am Vorabend ihrer Hochzeit ein gefälschtes obszönes Foto zugespielt werden sollte, und dann die Zeremonie selbst zu stören. Alles, was er hatte, waren Andeutungen, wie er selbst zugeben mußte, keine Fakten ... Schon das Interview allein war eine Verwundung, das Portrait eines möglichen Präsidenten, der so leichtgläubig ist, daß er aus gegenstandslosen Gerüchten drastische Handlungen ableitet."

Die übrigen Medien, die Perot noch nicht vergeben hatten, daß er ihre Fragen überging und direkt mit dem Publikum sprach, ergriffen die Gelegenheit, ihn zu diskreditieren. Das Virus war wie weggeblasen.




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Kapitel 4: Kinderfernsehen