Kapitel 2

Kapitel 2

Das Fernsehen als Forum

Wir wollen heute vom Fernsehen etwas anderes als früher. So wie die Malerei zu Beginn dieses Jahrhunderts abstrakter wurde, als die Fotographie sich des Porträts bemächtigte, so scheinen die Fernsehsendungen realistischer geworden zu sein, seit Videofilme den Bedarf an dramatischem Geschehen in der heimischen Röhre dekken.

Das Fernsehen besaß immer eine natürliche Eignung dazu, sich mit Nachrichten und Themen zu befassen, und es ersetzte schnell die Kino-Wochenschau als Amerikas Informationsquelle über das laufende Geschehen. Das Fernsehen produzierte schneller, billiger und verbreitete seine Sendungen schneller. Seit das Fernsehen mit Videotechnik aufnimmt, müssen wir nicht einmal mehr auf den ,,Filmbericht um elf" warten; die Sender schalten sich einfach einer Direktübertragung zu. Was auch immer an fast jedem Ort auf der Welt passiert, es kann sofort über unsere Fernsehbildschirme verbreitet werden. Selbst diejenigen, die den Nachrichten zu entgehen hoffen, können nicht den Programmhinweisen entgehen, die in die Werbeunterbrechungen der abendlichen Filme hineingemischt werden. Wir bekommen sogar gegen unseren Willen mit, daß jemandem irgendwo irgendwas geschieht - sei es Michael Jackson oder dem bosnischen Volk -, und viele Zuschauer fühlen sich veranlaßt, auf Empfang zu bleiben.

Die soziale, moralische und ideologische Intimität, die der Fernsehkasten entfacht und aufrechterhält, macht süchtig. Unser Gesichtskreis ist dermaßen erweitert, daß er sich auf die gesamte weltweite Nachbarschaft erstreckt; in unseren Wohnungen ist die Bildröhre das einzige wirkliche Fenster. Wir verlangen heute, daß sie einen anderen Zweck erfüllt als nur zu unterhalten. Wir wollen Informationen, Ideen und Probleme. Wir wollen wissen, was um uns herum passiert.

Das Fernsehen ist auf alle Wechselfälle eingestellt - und das so sehr, daß man kaum noch sagen kann, ob die Sendungen von unseren Bedürfnissen geprägt sind oder ob die Veränderungen bei den Sendungen unsere Interessen modellieren. Auf jeden Fall hat sich unser Fernsehen zu einer Zahl von Plattformen entwickelt, die ideale Bedingungen für das Wachstum und die Verbreitung von Medienviren bieten. Wir wollen zwei dieser Plattformen und ihre Entwicklungsgeschichte betrachten.

... und Gerechtigkeit für alle

Als die Baby-Boom-Generation in den fünfziger und frühen sechziger Jahren heranwuchs, sollte das Fernsehen die Rolle eines Elternteils spielen. Seine dramatischen Botschaften waren dementsprechend patriarchalisch. Die Röhre brachte uns wie unseren Eltern den Unterschied zwischen den Guten und den Bösen bei. Polizeiserien füllten den Äther, und die Zuschauer warteten ängstlich auf die Ergreifung von Typen, die durch ihr Böse-Sein definiert waren. Gut und Böse waren vorgegeben. Festnahme und Bestrafung waren die Belohnung für die Zuschauer. Diese Sendungen waren bei weitem nicht so komplex wie antike Moraldramen.

Die Kriminalbeamten von ,,Dragnet" [dem Vorbild von ,,Stahlnetz"] zeigten selten Gefühle. Sie trafen keine Entscheidungen, sie wägten niemals etwas ab. Sie erledigten nur eine schmutzige Arbeit. Der musikalische Refrain am Ende jeder Episode signalisierte, daß ganz einfach der Gerechtigkeit Genüge getan war. Nach der letzten Werbeeinblendung erfuhren wir sogar die Höhe der Gefängnisstrafe. Am Ende der Serie hatten viele Probleme der späten sechziger Jahre - Drogen, Frieden, Liebe - Eingang in die Geschichten von ,,Dragnet" gefunden, aber die Polizeibeamten behielten ihre Hardliner-Haltung ungebrochen bei. In einer Folge nehmen die Beamten an einer ,,Gruppentherapie"-Sitzung teil und lauschen einer halbherzigen Verteidigung von Hippie-Wertvorstellungen, bevor sie einen Teilnehmer in Handschellen legen und ihn wegen Besitzes von Marihuana festnehmen. Die moralischen Werte werden nicht infrage gestellt - noch nicht. Unangefochten durch die Komplexität der modernen Kultur regieren Recht und Gesetz.

Ende der sechziger Jahre begannen wir unseren Kriegseinsatz, unsere Nationalgarde und sogar unsere Polizei zu problematisieren - und das Fernsehen, das sich weiterhin bemühte seine Elternrolle zu behalten, versorgte uns mit einem neuen Image für unsere Polizei. McGarrett (der Protagonist von ,,Hawaii Five-O") setzte das Recht auf eine viel ,,coolere" Weise durch. Sein gutgekleidetes und vom Wind zerzaustes Team hatte ebenfalls keine Entscheidungen zu treffen, aber ihr Job war etwas schwieriger. Sie mußten die ,,Guten" darstellen und trotzdem immer lässig bleiben. In einer Folge besucht Danno, der vielversprechende Assistent, als verdeckter Ermittler eine Hasch-Party und mimt dort erfolgreich einen ,,angeturnten" Teilnehmer. Die gegenkulturellen Aktivitäten sind immer noch ganz einfach falsch, aber der Polizist muß imstande sein, etwas von der mit ihnen verknüpften ,,Hipness" zu verkörpern. Das sexy wirkende, gemischtrassige Trio von ,,Mod Squad" (ein schwarzer Typ, ein weißer Typ und ein weißes Mädchen) arbeitete mit der gleichen Strategie, nur daß sie nicht bloß lässig tun konnten, sie mußten lässig sein, wenn sie das Recht durchsetzen wollten. Sie waren drei Hippies, die selbst schon im Knast gesessen hatten - Julie war die entlaufene Tochter einer Prostituierten aus San Francisco, Linc hatte für seine Teilnahme an den Unruhen von Watts gesessen, und Pete war beim Diebstahl eines Autos verhaftet worden, nachdem ihn seine ultrareichen Eltern aus ihrem Haus in Beverly Hills rausgeworfen hatten. Die vom Establishment der ausführenden Gewalt buchstäblich kooptierten jungen Leute der Mod Squad symbolisierten die Bemühung, die Gegenkultur mit Gewalt wieder in den Mainstream zurückzuzwingen. Lederjacken, lange Haare und Liebesperlen verdeckten eine Zeitlang, wie zweischneidig eine rechtschaffene und geradlinige Durchsetzung des Gesetzes in einer zunehmend unstrukturierten und freidenkenden Gesellschaft war.

In den frühen und mittleren achtziger Jahren war in der populären Serie ,,Hill Street Blues" der Job eines Polizisten zu einer existenzphilosophischen Übung geworden. Es wurde eine Welt vorgeführt, in der jede Aktion mit einer berechtigten Absicht verbunden und doch moralisch zweideutig war. Es ist nicht leicht, ein aufgeweckter und toleranter, sensibler Mann des zwanzigsten Jahrhunderts und gleichzeitig ein Kämpfer gegen die städtische Bandenkriminalität zu sein. Diese Serie schloß an andere populäre Bemühungen, selbstbewußte Polizisten zu zeigen, wie ,,The Streets of San Francisco", an und markierte den erfolgten Übergang der Behandlung von Gerechtigkeit im Fernsehen als Zusammenhang von Verbrechen und Strafe in einen Zustand der Mehrdeutigkeit und Diskussionsbedürftigkeit. Dieser Übergang erfolgte, weil ,,Hill Street" das Leben der Polizisten in den Mittelpunkt stellte und nicht die Handlungen der nun ,,mutmaßlichen" Täter. Diese Beamten waren ebenso mit allen Wassern gewaschen wie gewöhnliche Gauner. Zwanghafter Spieltrieb, unkontrollierte Gewaltanwendung, versuchter Selbstmord, Korruption, Rassismus und politischer Ehrgeiz suchten die Mitarbeiter dieses modernen Polizeireviers heim. Diese Serie teilte nicht bloß mit, daß ,,Polizisten auch Menschen sind". Sie zeigte, daß sie - ebenso wie die ,,Bösen" - psychisch auf den Hund kommen können.

Daß Fernsehpolizisten eher imstande sind, emotional durchzudrehen als die meisten anderen Leute, hängt vielleicht mit der Rolle zusammen, die sie spielen müssen: Das blinde Befolgen von Vollstreckungsregeln funktioniert in einer modernen Großstadt nicht. Die Stadt ist ein komplexes System, und es gibt zu viele Kanäle, durch die sich ein ständiger Informationsaustausch vollzieht, der nicht durch einfache und geradlinige gesetzliche Maßnahmen reguliert werden kann. Immer, wenn Captain Furillo einen Verdächtigen einbuchtet, hält Joyce Davenport, seine zweite Ehefrau und Strafverteidigerin, eine Pressekonferenz auf den Stufen des Reviers ab und verkündet, welche gesetzlichen oder Bürgerrechte seine Jungs wieder einmal verletzt haben. Auch er selbst und der Bezirksstaatsanwalt umgehen das Gesetz, und das wird Furillo teuer zu stehen kommen, wenn er nach Hause kommt und Joyce ihn auf der Couch schlafen läßt.

Die Folge der Serie, in der ihre ganze Beziehung auf dem Spiel stand, basierte auf einem Mediendebakel. Furillo wußte, daß einer seiner Gefangenen schuldig war, hatte aber keine ausreichenden Beweise, um ihn festzuhalten. Die Medien, die hungrig auf einen Verdächtigen waren, hatten den Mann schon verurteilt, und eine große, aufgebrachte Menge belagerte die Polizeistation. Furillo sagte dem Mann, er würde ihn einfach freilassen, wenn er nicht geständig wäre. Um in den schützenden Mauern des Polizeigefängnisses zu bleiben, gestand der Verdächtige glücklich seine Verbrechen, aber Davenport vergab ihrem Verlobten sein skandalöses Taktieren keineswegs so schnell. Ihre Verlobung stand drei, vier Folgen lang in Frage, und die ersten Anzeichen des Themas ,,Medien über Medien" wurden unter der künstlichen dramatischen Oberfläche von ,,Hill Street" sichtbar. Die Polizeiserie hatte den Punkt ihres Zusammenbruchs erreicht.

Aber ,,Hill Street Blues" diente auch als Brücke zu dem Seriengenre, das seine Nachfolge antrat: das Gerichtsfernsehen. In einem chaotischen und relativen Universum ist die Bestrafung für ein Verbrechen kein Problem mehr. Das Fernsehen beginnt jetzt die Frage aufzuwerfen, ob Gerechtigkeit überhaupt möglich ist. ,,L. A. Law" (seit 1986), die Serie, die diesen Trend ins Leben rief, wurde vom ,,Hill Street"-Produzenten Steven Bochco gemacht. Hier sind es nun die Anwälte, die eine Plattform zur offenen Diskussion der Probleme des Verbrechens, der Strafe und von menschlichen Konflikten überhaupt bekommen. Einem klassischen Polizeivertreter am nächsten kommt noch Susan Dey - die Schauspielerin, die in den sechziger Jahren die Laurie in ,,The Partridge Family" spielte - als Assistentin des Bezirksstaatsanwalts, bei der Gerechtigkeitssinn und Gewissen gleichermaßen hoch entwickelt sind. Die rechtlichen und moralischen Argumente werden nicht auf Nebengleisen ausgetragen, sondern nehmen einen zentralen Stellenwert ein, weil das Gericht darüber nachdenkt, wie mit Problemen umzugehen ist, die nicht in das Schwarz-Weiß-Schema passen.

,,L. A. Law" erreichte seinen Höhepunkt des medialen Selbstbewußtseins (und vermutlich seiner Funktionalität) nach den Unruhen in Los Angeles. Die Serie hatte schon ein oder zwei Versionen des Rodney-King-Falles nach-erfunden, bekam aber nun die Gelegenheit, den berühmten Prozeß gegen die Polizeibeamten und die auf ihn folgenden Straßenschlachten zu dramatisieren. Dabei geht es um sehr viel mehr als um einen Fall, bei dem die Kunst das Leben imitiert. Es handelt sich um ein Fernsehdrama, das einen gesellschaftlichen Impuls zur nachdenklichen und nachträglichen Erwägung problematischer nationaler und internationaler Ereignisse bedient. Es sind schnell reagierende ideologische Wiederholungsläufe in Digest-Form. Die Serie - die hier ihre stärkste Seite hat - untersucht die in einem zweischneidigen Fall steckenden Probleme, indem sie das Forum des Gerichtssaals und die Sprache des Anwalts benutzt. Aber in Übereinstimmung mit ihrem Gegenstand schwappten die Geschehnisse dieser Episode aus dem Gerichtssaal heraus und auf die Straßen. Bezeichnenderweise war es der harmlose und liebenswerte Stuart Markowitz, der am stärksten auf der Suche nach dem eigenen Ich befindliche, von Schuldgefühlen geschüttelte Liberale der ganzen Anwaltsfirma, der draußen bei den Unruhen verwundet aufgelesen wurde, verletzt durch irgendwelche umherschwirrenden Scherben.

Das war der Augenblick, in dem ,,L. A. Law", vielleicht unabsichtlich, den Übergang zu einer realistischeren Form des Fernsehens vollzog. Genau wie im wirklichen Leben konnten die Probleme des Rodney-King-Falles nicht im Gerichtssaal von ,,L. A. Law" gelöst werden, weshalb einer der Anwälte auf der Straße Schaden nehmen mußte. Gerichtsserien versuchen wie Polizeiserien, ein Forum für das Chaos zu schaffen - einen Ort, an dem es rational diskutiert werden kann. Wo die Polizeiserie chaotische Einflüsse schnell niederknallte oder in Fesseln legte, versucht die Gerichtsserie, sie auszudiskutieren. Sie ist eine konzeptionelle Schnittstelle zwischen der Ordnung unserer Gesetze und dem Chaos unserer Welt. Das Gerichtsfernsehen umfaßte neben ,,L. A. Law" ein halbes Dutzend Serien in der Hauptsendezeit, sie sind, mit ,,wirklichen Menschen", eine Gratwanderung zwischen Tatsache und Erfindung.

Die Entwicklung der Gerichtsserien ist mehr als nur ein Ersatz für die Polizeiserie. Die Gerichtsserie ist ein Forum für die Bewertung von Memen. Wie die C-SPAN-Berichterstattung über Kongreßdebatten befriedigt die Gerichtsserie und die Berichterstattung über berühmte Prozesse unser Bedürfnis, daß die Medien uns eine Versuchsplattform für neue Ideen liefern. Die populären kulturellen Foren sind für uns Orte zur Überprüfung unserer Regeln und Gewohnheiten. Wir erwarten vom Fernsehen nicht mehr vorgekaute Antworten oder die Bestätigung gängiger Überzeugungen, sondern die offene Diskussion schwieriger Probleme und das Gefühl, an der Lösung beteiligt zu sein. Die Gerichtsserie der Vergangenheit deckte diesen Bedarf nicht. Perry Mason zum Beispiel diskutierte keine Probleme; er führte eher eine Polizeiuntersuchung im Gerichtssaal durch. Wenn der Schuldige gefunden wurde, war der Gerechtigkeit Genüge getan.

Die heutige realitätsnahe Gerichtsserie stellt von ihrer Bestimmung her Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Deshalb ist sie ihrem Wesen nach virenhaltig. Sie reißt Fragen aus ihren scheinbar einfachen Bezügen heraus und stellt sie offen zur Diskussion. Diese Probleme sollen von Rechtsanwälten debattiert werden, weil Anwälte die professionellsten Debattenredner unserer Kultur sind. Leider hat sich jedoch das wirkliche Leben sogar für den Intellektuellen des Gerichtssaals als zu komplex erwiesen, und die Zuschauer haben mehr Feedback verlangt.

Wir sind heute Zeugen des neuesten evolutionären Schritts eines vollstreckenden und debattierenden Fernsehens, nämlich des Übergangs von der Gerichtsserie zu einem anderen virenhaltigen Schauplatz, der ,,Straßenserie". ,,COPS", ausschließlich mit der Handkamera aufgenommen und auf Streife mit wirklichen, im Einsatz befindlichen amerikanischen Polizeibeamten, beginnt mit einer Reggae-Melodie zu Bildern von Festnahmen. ,,Was wirst du tun, wenn sie kommen und dich holen wollen?" fragt der Text in jamaikanischem Akzent und macht deutlich, daß es in dieser Serie um unser eigenes Leben im Dschungel geht. Aber wir sind nicht nur die Bullen. Wir sind auch die potentiellen Verbrecher! ,,COPS" gibt uns eine Vorstellung von der Arbeit eines Polizeibeamten und liefert darüber hinaus einen Lehrfilm darüber, wie man festgenommen wird. Es ist ein Videoporträt des schmalen Grades zwischen Ordnung und Chaos in unserer Kultur. Wir sollen uns mit der Polizei und mit dem Gesetzesbrecher gleichermaßen identifizieren. Die Serie bricht mit den dualistischen Begriffen des einfachen ,,richtig" und ,,falsch" oder ,,Bulle" und ,,Gesetzesbrecher" und konfrontiert uns statt dessen mit einem relativierenden multiplen Standpunkt. Wir haben kein Interesse mehr daran, zuzusehen, wie die Kriminellen die Polizisten bedrohen, sondern wollen Anzeichen der Brutalität bei der Polizei entdecken.

Jede abendliche Folge bietet uns die Gelegenheit, in einem echten Polizeiauto auf die Jagd zu gehen, wenn es seine nächtlichen Runden dreht, wenn es um Verfolgungsjagden und Festnahmen geht. Wir erhalten vielleicht eine der genauesten Schilderungen der realen und komplexen Lebenskämpfe in den Vereinigten Staaten. Sogar solche der Hochkultur verpflichteten Periodika wie The New Yorker müssen von der einzigartigen Rolle Notiz nehmen, die diese absichtlich mit geringem Aufwand arbeitende Serie für den Zeitgeist spielt. Der Medienkritiker dieser Zeitschrift, James Wolcott, stellt fest: ,,Wenn Präsident Clinton die städtische Belagerungsmentalität kennenlernen will (die sich auf die Vororte und sogar auf einige ländliche Gegenden ausgedehnt hat), sollte er sich ,,COPS" ansehen. Das ist wie ein Soziologieseminar und wiegt ein Dutzend spezieller Kommissionen auf."

Wenn wir einmal annehmen, daß die Zuschauer von ,,COPS" sich aus Leuten zusammensetzen, die sich nicht um den Stellenwert der Serie im Medienkosmos kümmern, dann ist Wolcotts hochgestochener Kommentar bedeutungslos. Aber Amerika sieht sich ,,COPS" aus einem bestimmten Grund an. Es ist wirklich. Die Polizisten mögen ein wenig netter und sympathischer agieren als sie es normalerweise tun - schließlich sind Kameras dabei -, aber es handelt sich um realitätsnahes Fernsehen. Als solches gibt es dem zuschauenden Publikum etwas wieder, nach dem es sich gesehnt hat, seit die Gerichtsserie bei der Darstellung der Unruhen in Los Angeles versagte: genaue Bilder des Lebens in der gegenwärtigen kulturellen Landschaft. Ein unverstellter, nicht dramatisierter Blick durchs Fenster.

Die Serie ,,COPS" funktioniert, weil sie virenhaltig ist. So wie ,,L. A. Law" sich die Freiheit nimmt, die verstörenden Tagesprobleme im Rahmen unseres sich weiterentwickelnden Rechtssystems zu diskutieren, überprüft ,,COPS" die drückenden Fragen unserer Zeit auf der Ebene, auf der sie entstehen: auf der Straße. Das bedeutet ein sofortiges Feedback von der Front. Die Gerichtsverfahren der in ,,COPS" festgenommenen Verdächtigen finden wahrscheinlich Wochen oder Monate nach der Aufnahme der Folge statt. Im Schimmer des Camcorder-Lichts und begleitet von der teilnehmenden Beobachtung eines großen Publikums, treffen die extrem menschlichen Männer und Frauen von ,,COPS" Entscheidungen, durch die das Leben von Menschen wie du und ich nachhaltig beeinflußt wird. Nach einer strengen Ermahnung nimmt ein Polizist einem jungen Mädchen, das beim Haschischrauchen erwischt worden war, die Handschellen ab und schickt es mit seiner weinenden Mutter heim. Das Problem des Marihuanamißbrauchs durch Jugendliche, eine der Grauzonen unseres gegenwärtigen Balanceakts zwischen Recht und Moral, die zudem von beiden Seiten mit Millionen Dollar in Form von Anzeigen und Leitartikeln subventioniert wird, wird am späten Abend auf der Straße im Handumdrehen erledigt. Gesetz und Ordnung bedeutet in diesem Fall das Zulassen von ein wenig Chaos.

Das Camcorder-Format der ,,COPS"-Serie ermöglicht ideal die Darstellung der selbstbezüglichen Seiten unserer chaotischen Welt. James Wolcotts Lieblingsepisode von ,,COPS" spiegelt die Macht des guerillaartig eingesetzen Mediums wider:

,,Die Polizei wurde gerufen, um einen großen, schwarzen, nackten Mann während eines Raubversuchs festzunehmen. Niemand wußte, warum er nackt war. War er schon nackt, als er kam, oder hatte er es sich am Tatort bequemer machen wollen? Seine Festnahme zog sich episch in die Länge, vier oder fünf Polizisten versuchten, dem wilden Kerl Handfesseln anzulegen (seine Genitalien wurden durch einen elektronischen Trick verdeckt), und alle wurden auf den Boden und gegen die Wände geschleudert. Als er schließlich auf den Boden geworfen war, blickte er direkt in die Kamera und rief aus: ,Bringt mein Gesicht in die Zeitungen!` Es wirkte so, als sei ein Insasse des kollektiven Unbewußten entsprungen - eine Tabugestalt, der nackte schwarze Mann mit dem verrückten Grinsen. Er riß ein Loch in die Realität und kehrte dann lachend in das Reich der Unterdrückten zurück, wobei er uns daran erinnerte, daß der Joker ,Rasse` immer noch ganz unten im Kartenspiel steckt. Seine Verhaftung war praktisch eine Performance, die Tragödie der Sklaverei, wiederaufgeführt als Farce."

Durch die Anwendung der Werkzeuge eines kulturellen Beobachters zeichnet ,,COPS" die Topographie unserer selbstbezüglichen sozialen Landschaft äußerst genau nach. Es handelt sich um eine Welt, in der die Medien nicht einfache Beobachter von Ereignissen sind, sondern aktive Teilnehmer. Wie Wissenschaftler, die die Quantenphysik auf das theoretische Prinzip gründeten, daß keine Beobachtung möglich ist, ohne das beobachtete System selbst zu beeinflussen, sind diejenigen von uns, die sich Sendungen wie ,,COPS" ansehen, höchst bewußt, daß die Kamera auf ihre Gegenstände und gleichermaßen die Medien auf die von ihnen dokumentierte Welt einwirken. Nicht nur die Kriminellen stellen sich für die Kamera dar; die Polizisten beispielsweise nehmen musterhafte Verhaftungen vor und verlesen die Miranda-Warnung mit schauspielerischer Präzision. Einsatz für Einsatz, und vor der Kamera, befaßt sich die Polizei mit der Wirklichkeit der drängendsten sozialen Fragen unserer Nation, manchmal erfolgreich und manchmal weniger.

In der Hoffnung, das ,,COPS"-Gefühl der Unmittelbarkeit noch zu überbieten, schuf Barry Levinson, ein traditioneller Filmemacher, eine Serie namens ,,Homicide", und Steven Bochco entwikkelte seine eigene, glattere Version, ,,NYPD Blue". Diese Serien - vom Stil her der Polizeiserie verwandt - werden mit großen Budgets auf Film aufgenommen, aber aus Blickwinkeln, die denen zufälliger Videokamerapositionen nahekommen. Die Aufnahmen sind absichtlich unruhig, um die Illusion eines einzigen Kamerastandpunkts zu schaffen, von dem aus verschiedene Teile der Szenen zusammengehauen worden sind. Obwohl es sich um fiktionale Serien handelt, versuchen sie die Wirklichkeitssicht einer Videodokumentation zu bewahren. Levinson und Bochco sind der Ansicht, daß die amerikanischen Zuschauer heute von einem Fernsehdrama mehr verlangen als konventionellen Realismus. Sie wollen einen selbstbewußten Realismus. Die Realität der Medienpräsenz muß Teil einer Szene werden, damit die behandelten Probleme überhaupt Eindruck machen. Weil sie einem Drehbuch folgen, können ,,Homicide" und ,,NYPD Blue" absichtlich Meme von Dingen lancieren, die ihren Produzenten am Herzen liegen.

Die Legalisierung von Marihuana oder Toleranz den Drogen gegenüber wurden für den Beamten bei ,,COPS", der sich entschloß, den Teenager laufenzulassen, zu einer wirklichen Entscheidung. Bei ,,Homicide" haben die Drehbuchautoren die Gelegenheit, ein ausgewachsenes Virus zu planen und zu lancieren. In einer Folge inspizieren einige Beamte im Kellergewölbe eines Bahnhofs eine große Marihuana-Ladung, die bei einer Drogenrazzia beschlagnahmt worden war. Richard Belzer, ein Komiker mit schwarzem, ironischen Witz, der einen der Polizisten spielt, scheint sich als Sprachrohr für die gegenkulturellen Empfindungen der Produzenten etabliert zu haben. Mit einem Beutel Gras in seinen Händen beginnt der Kriminalpolizist eine lange Darlegung der Geschichte der Cannabis-Gesetzgebung in den Vereinigten Staaten. In seiner Rede, die praktisch den Seiten der ,,High Times" (einer Zeitschrift der Marihuanakultur und -befürwortung) entnommen ist, erklärt er, wie die Firma DuPont, die das Nylonseil auf den Markt brachte, erfolgreiche Lobbyarbeit zur Verdammung des Hanfs leistete, der ihr größter Konkurrent bei der Produktion von Seilen war. Wenn wir Belzer glauben, hatte das nichts mit dem rauchbaren Marihuana zu tun, das aus einem anderen Teil der Pflanze gewonnen wird. Er erläutert, daß im Zweiten Weltkrieg eine Renaissance des Hanfs einsetzte, als es zur Rationalisierung des Krieges gegen die Japaner eingesetzt wurde, die einige Inseln besetzt hatten, auf denen Hanf wuchs. Hemp for Victory war ein für die Motivierung von Soldaten gedrehter Film. Als schließlich der Krieg vorüber war, führte der Verlagsgigant Hearst die Medienkampagne gegen den Hanf an, durch die die öffentliche Meinung gegen die Pflanze und die Droge wiederhergestellt wurde. Letztere wurde dann wieder illegal.

,,Das glauben Sie wirklich", fragt der Polizist, der die Drogenrazzia durchführte.

,,Ja, sicher", antwortet Belzer entschieden.

,,Das ist der Grund, warum man keinen Fall zu Ende bringt", erwidert der Ungläubige im Stil einer Schlagzeile und kleidet so eine politisch brisante Rede in das Gewand eines Fernsehdialogs. Belzer ist nur ein Komiker, er ist der Revierclown, und es geht nur um eine Fernsehserie. Aber eingeschlossen in die Flimmerkiste, und darüber hinaus noch bis in das fiktive Kellergewölbe des Reviers, besitzen Levinsons ausreichend distanzierte Charaktere die Freiheit, sehr gefährliche Vorschläge zu machen. Wir werden als Publikum nicht nur mit einer ungeheuerlichen und zwingend vorgetragenen Verschwörungstheorie konfrontiert, sondern auch mit einem Bild von Gesetzeshütern, die insgeheim ihren Zweifel an dem von ihnen aufrechterhaltenen System hegen. Der beobachtende Stil der Kameraführung erinnert uns auf unheimliche Weise daran, daß diese Art der Unterhaltung von einer versteckten Kamera hätte aufgenommen werden können, wodurch die Karriere von ironischen Zweiflern wie Belzer in Gefahr geraten könnte.

Es ist nicht zufällig, daß sich die Polizeiserie zu einem Forum für die Behandlung der Anti-Establishment-Probleme der sechziger Jahre entwickelt hat. Die Leute, die in jenen Jahren zur rebellierenden Jugend gehörten, haben in den Neunzigern Machtpositionen erreicht und benutzen ihre Medienplattformen, um unaufhörlich Viren in die Welt zu setzen, durch die eine Neubewertung dieser Fragen bewirkt werden könnte. Tatsächlich war das Lebensgefühl der sechziger Jahre verantwortlich für die Neustrukturierung der Debatten in den Mainstream-Medien.

Obwohl beide Serien 1993 starteten, hatte ,,NYPD Blue" sofort einen erheblich größeren kommerziellen Erfolg als ,,Homicide" - und das nicht, weil ihre Meme relevanter oder ihr Stil zwingender wären, sondern weil die Serie mehr an die Medienerfahrung anknüpft und weniger von Recht und Gesetz handelt. Die Medienwelt belohnt es, wenn etwas sich selbst gleich bleibt, und beweist immer wieder, daß sich die gesamte Datensphäre am besten infizieren läßt, wenn das Medium auf sich selbst gelenkt wird.

,,NYPD Blue" präsentiert die gleichen Problemkreise wie ,,COPS" oder ,,Homicide" - Polizeibrutalität, Korruption, ein ambivalentes Verhältnis zur Durchsetzung von Recht und Gesetz -, aber die bedeutsamsten Meme der Serie haben mit Polizisten wenig zu tun. Die wesentliche Erfahrung bei ,,NYPD Blue" besteht darin, daß wir der allmählichen Ausdehnung des permissiven Fernsehens zusehen können. Dem Serienschöpfer Bochco kommt es weniger darauf an, sich durch das Aufgreifen realer gesellschaftlicher Probleme einen Namen zu machen als durch die erste vollständig nackte Rükkenansicht der großen Fernsehnetze. (Aber er hat sein gesamtes Berufsleben in der Fernsehindustrie verbracht. Es kann nicht sehr verwundern, daß diese Dinge für ihn von Belang sind.) Die Figuren verwenden Gossensprache, machen obszöne Gesten, haben rassistische Gedanken und tun jede Menge Dinge, die ,,im Fernsehen nicht erlaubt" sind. Das alles verschafft der Serie natürlich eine hohe Aufmerksamkeit in Zeitungen und Zeitschriften, die Ausschnitte mit den entblößten Hinterbacken des Serienstars David Caruso so oft verbreitet haben wie die Kommentatoren des Bobbit-Prozesses das Wort ,,Penis".

Die erste Szene der ersten Folge von ,,NYPD Blue" war bezeichnend für die medienorientierte Sichtweise der Serie. Eine Staatsanwältin befragt einen alkoholabhängigen Polizisten. ,,Ich würde sagen res ipsa loquitur, wenn ich sicher wäre, Sie wüßten, was ich meine", sagte sie. ,,He", antwortete der Bulle und zeigte ihr einen Mittelfinger, ,,ipsa dies hier, du dämliche kleine Nutte!" Trotz des Umstandes, daß sich 1994 noch vierundvierzig an das Fernsehnetz angeschlossene Stationen aufgrund ihres gewalttätigen und sexuellen Inhalts weigern, die Serie auszustrahlen, rangiert sie in der Nielsen-Liste regelmäßig unter den fünfzehn meistgesehenen Sendungen (Ende 1993). In der Woche, in der die Serie gestartet wurde, bekannten mehrere New Yorker Polizisten in einer landesweit ausgestrahlten Anhörung außerordentliche Korruptionsakte und brutale Übergriffe, aber das sind nicht die Meme, die ,,NYPD Blue" zum Erfolg verhalfen. In jener Woche begann auch der amerikanische Kongreß Anhörungen über Gewalt in den Medien abzuhalten, wobei die Frage eine Rolle spielte, ob Serien wie ,,NYPD Blue" - die Bochco als erste ,,nicht jugendfreie Serie des nationalen Fernsehens" anpries - überhaupt erlaubt werden sollten. Fast alle Fernsehreportagen über die Kongreßanhörungen zeigten Ausschnitte aus ,,NYPD Blue", um ihren angekündigten sexuellen und gewalttätigen Inhalt zu illustrieren, und machten damit eine bessere Werbung für die Serie als ihre Produzenten vorhersehen konnten. Und die Premiere stand in wenigen Tagen bevor.

Während die Taktik der ,,NYPD Blue"-Produzenten kaum über den puren Kommerz hinausging (Aufmerksamkeit erzeugen durch ungehörige Wörter und sexuell anziehende Körperteile, die im Fernsehen bislang nicht gesagt oder gezeigt wurden), machen die billigen Kitzel der Serie vielleicht mehr über unsere wirklichen kulturellen Obsessionen deutlich - Voyeurismus, Sex und Gewalt - als der progressivere und gut recherchierte Meme-Gehalt von ,,Homicide". Amerikas Faszination von Problemen wird nur noch übertroffen durch die Beschäftigung mit den Foren, durch die sie vermittelt werden.

Aus dem heißen Bad geschöpft

,,Wir planen die Einrichtung eines offenen Forums", sagt Michael Murphy, der Gründer des Esalen-Instituts, der Meme-Fabrik der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Das in der Nachbarschaft einer natürlichen heißen Quelle in Big Sur, Kalifornien, angesiedelte Institut kann nicht wirklich als Medieneinrichtung bezeichnet werden, hat aber eine völlig neue Art von Medienforen inspiriert, die alle auf direkte Beteiligung, Feedback und Wiederholung ausgerichtet sind.

Die psychedelischen Sechziger erzeugten ein großes Interesse an östlicher Philosophie, Schamanismus, Hexerei und Bewußtseinsproblemen. Die wichtigsten Universitäten lehrten diese Dinge von einem akademischen Standpunkt aus, der aber Erfahrung und Beteiligung nicht einbezog. Murphy, der heute ein anerkannter Autor über spirtuelle und humanwissenschaftliche Themen ist, erklärt: ,,Daß du plötzlich anfängst zu meditieren, Gott behüte, und mystische Erfahrungen hast und deinen ganzen Lebensstil veränderst, das ist nicht das, was die Stanford Universität oder eine andere angesehene Hochschule beabsichtigt. Wir wollten daher einen Ort schaffen, an dem Leute diese Dinge entdecken konnten. Wir hatten die Absicht, die Dinge sprießen zu lassen."

Mit Esalen verbanden sich also zwei Hauptabsichten: Neue Ideen und Techniken zu verbreiten - und das partizipatorisch. Man schuf dort die Praxis der ,,konfluenten Erziehung", die Murphy beschreibt als ,,Vereinigung der kognitiven und affektiven, der emotionalen, spirituellen und sensitiven Anteile. Sie ist jetzt an Universitäten in mehr als zwanzig Ländern verbreitet." Esalen hat auch den ersten Gesetzentwurf im amerikanischen Kongreß zur humanistischen Medizin hervorgebracht. Esalen lud Boris Jelzin zu seinem ersten Besuch in die Vereinigten Staaten ein. Es war gastgebende Institution für die Arbeit von Arthur Koestler, Fritz Perls, Buckminster Fuller, Timothy Leary, Carlos Castaneda und hunderte anderer Lehrer, Naturwissenschaftler, Politiker und Mystiker, die noch keine öffentliche Anerkennung gefunden hatten. Aber die Ideen wurden nicht akademisch in Form von Vorlesungen vorgestellt. Die Vorlesungen waren Seminare mit Beteiligung der Zuhörerschaft. Zum ersten Mal waren die Studenten an den Diskussionen ebenso beteiligt wie die ,,Lehrer". Es wurden Mikrophone herumgereicht und die Zuhörer ermutigt, dem Hauptvortragenden ihre eigenen Gedanken mitzuteilen, der akzeptierte, daß er ebenfalls von dieser Interaktion profitieren konnte.

Nach dem Ende der offiziellen Gespräche und Foren setzten sich die Unterhaltungen am Ende des Tages in den berühmten heißen Wannen fort. Ein schöner Sonnenuntergang, ein wenig Marihuana oder LSD, sprudelndes heißes Wasser und Nacktheit brachte einige der besten Denker der Welt auf eine aufregende neue Weise zusammen, eine Gegenkultur für neue Ideen.

,,Es war wie im Theater", erinnert sich Murphy. ,,Wir organisierten geradezu unwahrscheinliche Begegnungen. Wir hatten ein Zusammentreffen von Fritz Perls mit dem Maharishi. Es ist kaum zu glauben, was passierte. Fritz Perls fragte: ,Warum, Maharishi, fummelst du immer an deinem Rosenkranz herum? Warum steckst du deinen Fuß immer so neben deine Genitalien?` Und der Maharishi antwortete: ,Oh, der Brahmane hat eine große Seele.` Das ergab zwar nicht viel Sinn, aber es war ein unglaubliches Theater."

Das Esalen-Institut wuchs bemerkenswert schnell. ,,Es war einer der sichtbarsten Orte, an dem solche Dinge diskutiert, ausprobiert und verbreitet wurden. Im Jahre 1967 gab es in Amerika zwei- oder dreihundert solcher Zentren wie Esalen." Der Zurück-zur-Natur-Stil dieser Foren war früher eine Domäne der reichsten Geschäftsleute und Politiker. Jetzt diente er gegenkulturellen Bestrebungen. ,,Es war der ganze Zustand, es war die Magie - man kann es vielleicht kulturelle Magie nennen", sinniert Murphy.

Heute basieren sogar Methoden der Clinton-Regierung auf den Prinzipien des Esalen-Forums. ,,Was auch immer Clinton mit seinem Kabinett am ersten Wochenende seiner Regierungszeit in Camp David anstellte, es floß alles dort hinein, was in Esalen in den sechziger Jahren entstanden war", stellt Murphy bescheiden fest. ,,Sie hatten diese Kleingruppen organisiert, wie wir es schon seit dreißig Jahren tun, und sie mußten dann vor die Presse treten und sagen: ,Nein, nein, das hier ist keine Gruppentherapiesitzung.` Donna Shalala, die neue Vorsitzende der Gesundheitsbehörde, erklärte: ,Wir alle haben solche Workshops schon fünftausendmal mitgemacht.` Das ist wirklich ein Zeichen für einen Generationswandel. Die Generation der Sechziger ist jetzt wirklich an der Macht."

Das interaktive Forum hatte einen noch größeren Einfluß, als in den Medien vermittelt wurde. Workshops im Stil von Esalen breiteten sich zuerst durch die New-Age-Bewegung auf Gruppen wie Est (Werner Erhards Seminar Training) und NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren und Seminare, bei denen durchs Feuer gegangen wird) aus, die an den Wochenenden Transformations-Workshops veranstalteten. Ein Lehrer unterrichtete oder ,,programmierte" eine Gruppe von mehreren hundert zahlenden Teilnehmern, die auf Stühlen vor einer Bühne saßen. Die Teilnehmer hatten jederzeit Gelegenheit, über ein herumgereichtes Mikrophon mit dem Lehrer zu sprechen oder ihm ein Feedback zu vermitteln.

Es scheint nur natürlich zu sein, daß eine neue Art der Fernsehsendung entstand, die auf dem herumgereichten Mikrophon basierte. Phil Donahue ergriff die Gelegenheit, die erste wirklich partizipatorische Interview-Show zu lancieren.

In den frühen siebziger Jahren war diese Art der Fernsehsendung revolutionär. Es waren nicht mehr gebildete Profi-Journalisten, die den Politiker, Autor oder Prominenten befragten, es war das Publikum. Themen wie die Weitergabe von Atomwaffen, Abtreibung, Hungerstreiks und Homosexualität waren nicht mehr das exklusive Feld der Moderatoren.

In den frühen achtziger Jahren war ,,Donahue" ein nationales Phänomen geworden, das dutzende weiterer Sendungen im Format des offenen Forums hervorbrachte. Je populärer sie wurden, desto denunziatorischer wurden sie. Es wurde viel wahrscheinlicher, Transvestiten in einer Diskussionssendung zu finden als Henry Kissinger. Das ist vielleicht beklagenswert, aber die Leute sehen das lieber. Eine Sendung mit den ägyptischen Teilnehmern an der Nahost-Friedenskonferenz kann gegen eine Besetzung mit Vergewaltigern, die hinterher die Küche putzen, nicht bestehen, oder gegen Frauen, deren Ex-Ehemänner ihre Schwestern geheiratet haben. Die Gefahr bei den Mainstream-Medien ist natürlich, daß sie immer zum kleinsten gemeinsamen Nenner tendieren. Aber zumindest haben sie eine neue Form des partizipatorischen Forums geschaffen, bei dem die Dinge, für die sich Leute interessieren, von ihresgleichen diskutiert werden.

Für Murphy ist diese Sorte des Fernsehens eine Bastardisierung des Esalen-Konzepts. ,,Sie ist das Gegenteil unserer Bestrebung bei Esalen, die darin bestand, uns wechselseitig unsere Menschlichkeit zu beweisen. Donahue und Oprah Winfrey sind voyeuristisch. Man sieht jemandem zu, der aus sich selbst ein Spektakel macht. Man muß sich nicht selbst öffnen. Das ist eine ungeheure Verzerrung der Dinge. Die Medien trivialisieren das moderne Leben. Es wird distanziert, es wird fragmentiert, es wird keine Gemeinschaft hergestellt. Wenn ich da zusehe, bin ich mit meinem Herzen bei diesen Leuten, diesen Transvestiten, aber die meisten Leute sehen auf diese Menschen dort herab."

Würde Murphy jedoch die erste Regel des Medienaktivismus befolgen, so sähe er diese Sendungen vielleicht in einem anderen Licht. Es ist elitär und letztlich nicht korrekt, anzunehmen, daß diese Sendungen nur von Idioten gesehen werden oder ihr Publikum ein anderes Verhältnis zu den Medien hat als diejenigen von uns, die die sensationsheischenden Inhalte dieser Sendungen verdammen. Selbst in Fällen, in denen das mitwirkende Publikum in der typischen Art des Mobs gegen den Gast aufgebracht ist, sind wir anderen Zuschauer zu Hause, mit unserem distanzierten, fragmentierten Abstand, den Murphy kritisiert, immerhin objektiv genug, um zu sehen, daß der Gast der Sendung keine faire Chance erhält. Die Zuschauerschaft hat die Freiheit zu denken: ,,Wenn ich im teilnehmenden Publikum wäre, würde ich dem Gast diese Frage statt jener stellen." Man kann eine Sendung leicht dafür kritisieren, daß sie meinetwegen einem Neonazi eine Plattform zur Artikulation einer Haßtirade gegeben hätte. Dadurch, daß diese Sendungen diese Leute eher ausstellen als sie zu zensieren, enthüllen sie die Unstimmigkeiten in ihren Lehren. Statt einschüchternd zu erscheinen, können die Platitüden dieser Leute so beschränkt dargestellt werden, wie sie wirklich sind.

Partizipatorische Talkshows erzeugen gleichzeitig einen Abstand und beziehen uns ein. Anders als bei einem Theaterstück oder einer Nachrichtenmeldung, die uns dazu veranlassen, uns mit der Lage des Subjekts irgendwie zu identifizieren, werden wir hier dazu gebracht, uns mit dem kritischen Publikum im Studio zu identifizieren. Ganz gleich, ob wir uns mit dem Gast in Übereinstimmung befinden, wir erreichen ein höheres Maß an Selbstvergewisserung, eine wirkliche Beziehung zu der Sendung, die wir sehen, und zu der Rolle, die wir als Bürger spielen können, um eine Veränderung zu erreichen oder zumindest unsere Stimme in den Medien geltend zu machen. Es handelt sich um ein Bürgerforum, und die hier zum Ausdruck gebrachte öffentliche Meinung bekommt allmählich einen Stellenwert.

Esalen, das ursprüngliche Modell des interaktiven Forums, brachte viele eigene Meme hervor, von buddhistischen Praktiken bis zur Quantenphysik. Die wichtigsten Ideen, die aus dem Institut hervorgingen, betrafen jedoch keine bestimmten Themen, sondern Arten der Ausbreitung dieser Themen, also sozusagen Meta-Meme, und alles hatte mit öffentlicher Beteiligung und einem offenen Forum zu tun. Murphy ist stolz darauf, auch wenn er es nicht gerne sieht, wie diese Formen später vom Mainstream-Fernsehen übernommen wurden. ,,Diese sowjet-amerikanischen Austauschprogramme hatten eine echte Katalysatorwirkung. Wir haben nicht nur eine ganze Menge von Bürgerbegegnungen ausgebrütet, auch der Begriff ,Nebengleis-Diplomatie` wurde in Esalen erfunden, und zwar von Joseph Montville."

Wie viele andere, die sich mit der Ausbreitung von Meme-Techniken beschäftigen, verwendet Murphy Wörter wie ,,ausgebrütet" und ,,Katalysator", weil er die Ausbreitung von Ideologien auf eine chemische oder biologische Art betrachtet. Die Meme, über die er spricht, Nebengleis-Diplomatie, führten zu Dutzenden von internationalen Foren, gesponsort durch Bürgerinitiativen, auf denen Wissenschaftler, Geschäftsleute, Computerfachleute und sogar Schulkinder Probleme wie die Weitergabe von Atomwaffen, Geldstandards und die Ausbreitung von AIDS diskutieren konnten. Wir waren Zeugen, wie diese Kommunikation unter Bürgern zu mitreißenden sozialen und politischen Veränderungen in der ganzen Welt beitrug.

Eine ähnliche Auswirkung hatte auch das Interesse der amerikanischen Medien an partizipatorischen Foren für Ideen, durch die konsumfertige Nachrichten in den Hintergrund gedrängt wurden. Diese Probleme, die ihre Existenz lange im Verborgenen führten oder den Gesetzesmachern und ihren Freunden oder Kollegen vorbehalten waren, konkurrieren jetzt im Nachmittagsfernsehen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Es ist für Gerichte so gut wie unmöglich, Homosexualität als ungesetzlich zu behandeln, wenn die Zuschauer daheim, die sich bisher vielleicht marginalisiert vorkamen, jetzt bemerken, daß das allgemeine Publikum ihre Gefühle teilt. Ganz ähnlich geht es politisch Aktiven, die früher Schwierigkeiten damit hatten, ihre Ansichten über die traditionellen Kanäle zu verbreiten, und jetzt problemlos Produzenten finden, die hungrig nach Material sind, mit dem sie ihr tägliches Programmschema füllen können. Fast jedes Problem, das sich sexy verpacken läßt, bekommt zumindest für einen Tag seine Chance in der Arena eines der Ideenforen der Mainstream-Medien.

Für viele dieser Foren gilt es als ausgemacht, daß Mediendarstellungen falsch sind oder es zumindest verdienen, genauer zerlegt zu werden. ,,The McLaughlin Group", eine Sendung, in der engagierte Journalisten die Probleme der Woche diskutieren, geht kaum ernsthaft auf den Medienrummel unserer Politiker ein. Für diese Journalisten steckt hinter jedem Nachrichtenleck eine Absicht, und jede Pressekonferenz stellt eher ein Theaterereignis dar als einen Informationsaustausch. Sie machen Witze über die vergeblichen Versuche von Politikern, sich ein Image zu verschaffen, und debattieren darüber, ob das Publikum den Maskierungen Glauben schenken wird oder nicht. In Sendungen wie ,,Mediawatch" diskutieren die Journalisten in einer noch selbstbewußteren Manier politische Ankündigungen oder die Behandlung von politischen Problemen in den Nachrichten, um herauszubekommen, wie verläßlich und genau die Abbildungen der Realität in den Medien sind. ,,Mediawatch" macht den Leuten mehr bewußt als einfach nur die Künstlichkeit der Mediengebilde - darüber weiß ohnehin schon jeder Bescheid. Die Sendung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die stattfindende Interaktion zwischen den Medien, der öffentlichen Meinung und der sozialen und politischen Aktivität. Die typischen Themen dieser Sendung sind Debatten wie die, ob die Behandlung des Rodney-King-Falles in den Medien die Unruhen in Los Angeles verursacht hat oder ob Perots Präsidentschaftskampagne in den Talkshows den Zuschauern mehr Information oder nur eine besser verkleidete Wahlpropaganda bot.

Erstaunlicherweise haben auch die Sensationsmedien begonnen, die aktive Teilnahme zu ermutigen. Einige dieser Sendungen bieten gebührenpflichtige Telefonnummern an, über die die Zuschauer ihre Meinung über die Stories mitteilen können. Die Zuschauer zahlen für die Möglichkeit, ein Feedback zu geben, und eine Zusammenfassung der Antworten wird in den Nachspann eingeblendet. Dieses Feedback hat eine Chance, sich auch durchzusetzen. ,,A Current Affair" zum Beispiel benutzt diese Information, um die öffentliche Meinung zu ermitteln, und dann ändern die Produzenten die Behandlung eines bestimmten Falls, um sie der Haltung des Publikums anzupassen.

Wie lästig uns die Medienforen und auch die Medienforen über Medien inzwischen sein mögen, es ist nicht zu verkennen, daß dies gegenwärtig der zentrale Punkt des Fernsehens ist, der uns die Gelegenheit bietet, gewissermaßen beteiligt zu sein und eine beeindrukkende Menge an Memen pro Tag zu konsumieren. Ob wir nun zuschauen, wie Probleme von Anwälten in fiktiven oder realen Gerichtssälen diskutiert werden, oder von einem Publikum in einem Fernsehforum oder von Journalisten in Sendungen über das Medium, wir tauchen tiefer in Ideologien und Problemstellungen ein als jemals zuvor. Das ist die neue Richtung, in die das Fernsehen marschiert, und das trifft auch auf annähernd alle anderen Medienerzeugnisse zu. MTV und CNN sind rund um die Uhr arbeitende Virenträger. Das Internet, Usenet und Computer-Mailboxen widmen sich alle mehr oder weniger ausschließlich der Verbreitung und Diskussion von Ideen. Die Do-it-yourself- und Unterhaltungsmedien-Industrie basiert auf dem Bedürfnis der Konsumenten, ihre eigenen Erfahrungen und Standpunkte zu dokumentieren. Wer heute politisch aktiv sein will, muß imstande sein, Medienforen mit Ideen zu durchsetzen, durch die eine Diskussion und eine Vervielfachung in anderen Foren hervorgerufen wird.

Die als Forum wirkenden Medien bedienen das Bedürfnis unserer Kultur nach offener Debatte und Partizipation. Es handelt sich hier um eine Form, in der ein Medium die komplexe, chaotische Struktur der postmodernen Erfahrung anspricht, ohne dabei der Verpflichtung zur Bereitstellung einfacher Antworten oder Bestätigungen für vorgefaßte Überzeugungen zu entsprechen. Durch sie werden unsere offiziösen und alternativen Medien für Viren aller Art geöffnet, und natürliche, selbstregulierende Mechanismen erhalten die Möglichkeit, relativ unbehindert durch Kontrollen wirksam zu werden. Medienforen stützen sich ferner auf die Intelligenz der Zuschauer und Teilnehmer. Um ein Gerichtsdrama, eine Computer-Debatte oder auch eine Schlägerei genießen zu können, muß das Publikum die Argumente zu seiner eigenen, sich entwickelnden Bewußtheit über ein spezielles Problem in Beziehung setzen. Auch wenn ein Medienforum durch Sensationsmache aufgeladen wird, ist es auf die interpretatorischen und wertenden Fähigkeiten seines Publikums angewiesen, selbst wenn es keine Kenntnisse von Tatsachen oder historischen Ereignissen voraussetzt.

Dank der Medienforen haben die Public-Relations-Experten die Meinungen der Bevölkerung nicht mehr so im Griff. Sie erfordern eine vollständig neue Art von Werkzeugen zur Durchführung irgendeiner Medienkampagne. Diese Werkzeuge haben zudem weniger mit Geld oder einer bestehenden Machtbasis zu tun als mit dem Gespür dafür, wie die Öffentlichkeit und die Medien auf bestimmte Ideen reagieren werden, wenn sie auf einem unserer Foren vorgebracht werden. Selbst Präsidentschaftskandidaten lernen, daß es die einzige Methode zur Gewinnung der Wählerstimmen ist, sich in die Foren zu begeben, denen die Öffentlichkeit Vertrauen schenkt, und sie so anzusprechen,wie sie es gewohnt ist. Als Gleiche.

Die Politik wird nie wieder so sein wie früher.




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Kapitel 3: Präsidentschaftskampagnen