Herbst 1992. Ein schnelles Durchzappen durch die Fernsehkanäle ergibt an einem Sonntagnachmittag, daß Geraldo, Donahue und zwei weitere Showmaster mit drahtlosen Mikrophonen gleichzeitig Sendungen über die Amy-Fischer-Geschichte machen. Geraldo zeigt Ausschnitte aus den drei Fernsehfilmen, die in der laufenden Woche über den Skandal um die ,,Long Island Lolita" gesendet wurden - einer aus Amys Blickwinkel, einer aus Joey Buttafuocos und ein ,,neutraler". Einer der Filmausschnitte beginnt mit einer nachgestellten ,,Hard Copy"-Pressekonferenz, in der Schauspieler die Produzenten der trivialen Aktualitätenshow darstellen, die sich ein Band ansehen, das im Abendprogramm gesendet werden soll. Das Band der abendlichen Episode läuft ab und kündigt an, daß ,,Hard Copy" in den exklusiven Besitz einer enthüllenden Videokassette gekommen sei: Amy Fischer spricht mit ihrem Freund, der in einem Sportstudio beschäftigt ist, über Methoden, wie sie miteinander Sex haben können, auch wenn sie ins Gefängnis gehen muß. Dieses Band, so erfahren wir vom Berichterstatter von ,,Hard Copy", wurde von dem Freund heimlich mit seinem Camcorder aufgenommen. Der Fernsehfilm blendet von dem Videoband von Amy und ihrem Freund über zu einem anderen Fernsehmonitor, auf dem Amy Fisher, gespielt von Drew Barrymore, in ihrer Wohnung zu sehen ist und sich schockiert die Ausgabe von ,,Hard Copy" ansieht.
Wir sehen also in unserem Fernseher Geraldo, der einen Monitor betrachtet, auf dem ein Fernsehfilm spielt, in dem eine Pressekonferenz dargestellt wird, in der ein Band einer Fernsehshow abgespielt wird, in der wiederum ein Band abgespielt wird - das wirkliche, echte, für den Film erworbene Band -, das von einem Typ aufgenommen wurde, der in einem Medienskandal Kasse machen möchte, um dann eine amerikanische Schauspielerin der dritten Generation aus dem Hut zu zaubern, die die Reaktionen der wirklichen Amy Fisher darzustellen vorgibt.
Hier macht Geraldo eine Werbepause, in der eine Vorschau auf die Abendsendung kommt, die ein brandneues Amy-Fischer-Video verspricht, das von einem anderen Freund aufgenommen wurde. Auf einem anderen Kanal kann man einen Werbespot für ein Exklusivinterview mit Joey und seinem Anwalt sehen, die sich darüber aufregen, auf welche Weise sie dazu gebracht wurden, zu Beginn der Woche in der ,,Donahue"-Show zu erscheinen. Naturlich werden all diese Medienereignisse gleichzeitig ständig im ganzen Land in den Computer-Mailboxsystemen diskutiert und auch in Form eines Amy-Fischer-Comicbook aufgegriffen.
Dieses Spiegelkabinett im Spiegelkabinett ist der amerikanische Medienkosmos. Er ist mehr als nur ein Spiegel unserer Kultur; er ist unsere Kultur. In ihm lassen wir unsere Zeit, unser Geld und unsere Gedanken. Aber wenn wir das Wesen der Datensphäre genauer analysieren, erkennen wir, daß sie ein selbstreferentieller Ausschnitt von sich selbst ist. In den Medien werden meistens Medien kommentiert, die Medien kommentieren. Selbst wenn einmal ein reales Ereignis vorkommt - ein Mädchen erschießt die Ehefrau eines Mannes, mit dem es geschlafen hat, eine Frau schneidet ihrem Ehemann den Penis ab, zwei Brüder erschießen ihre millionenschweren Eltern, oder der Bodyguard einer Eisläuferin unternimmt einen Anschlag auf ihre Rivalin -, wird es bald zu einem Teil des umfassenden, sich selbst bespiegelnden Medienmosaiks.
In den Medien geschieht etwas Eigentümliches, das weniger mit den einzelnen Ereignissen zu tun hat, als mit dem Wesen unserer kulturellen Einstellungen und der Art, in der wir sie zum Tragen bringen. Medien sagen etwas, indem sie ihre Geschichten finden, sie ausstoßen, wiederkäuen und wieder ausspucken. Es ist eine komplizierte kulturelle Bulimie. Dabei handelt es sich um eine komplexe, aber in bestimmtem Maße auch wirksame Form der Massenkatharsis und Selbstbeobachtung, die unsere Gesellschaft anwendet, um sich zu kontrollieren und zu wandeln.
Die meisten Gesellschaftstheoretiker betrachten die Medien als Misthaufen aus kulturellem Abfall. Sie glauben, daß die Medien, da sie nichts Besseres zu tun haben, eine bereits verdaute Sache immer weiter durchkauen. Es gibt auf so vielen Sendern so viel Zeit zu füllen und nur so wenige wirkliche Geschichten, die sich erzählen lassen. Diese vereinfachte Sicht der Medien wird von den meisten Philosophen geteilt, die vor dem Fernsehen aufwuchsen. Sie betrachten die Medien und sogar die Technologie als Dinge außerhalb des Naturreichs. In ihren Augen können Medien nur etwas Wirkliches darstellen oder kommentieren. Sie nehmen nicht zur Kenntnis, daß Medien ihre eigene Wirklichkeit besitzen - sie sind etwas, das eine eigene Existenz und wohl auch seine eigenen Bedürfnisse und seine eigene Tagesordnung hat. Selbst der Medienphilosoph Marshall McLuhan bestand in Understanding Media (1964) darauf, daß jede mediale Erweiterung des Menschen einer biologischen ,,Amputation" gleichkomme. Mit dem Erscheinen der Rock-Musik wurden die Musiker taub, und Fersehröhren oder Glotzapparate für virtuelle Realität werden dann wohl unsere Sehnerven zerstören und uns blind machen. Diese ältere Theoretiker-Generation widerspricht sogar der Verwendung des Wortes ,,Medium" im Singular. Die Medien sind nach ihrer Meinung hauptsächlich die Kanäle, durch die wir kommunizieren: Fernsehen, Buchdruck, Aufkleber, Telegraph, Telephon. Wir sollen die Medien als Ansammlung künstlicher Techniken sehen, die menschliche Interaktion vermitteln und letztlich behindern.
Doch diejenigen, die nach der Entwicklung der Datensphäre aufgewachsen sind, sehen die Medien ganz anders. Statt einer Werkzeugkiste sind die Medien ein Wesen für sich, das nach seinen eigenen Maßstäben gemessen werden muß. Die Initiatoren von Medienviren stützen sich auf eine sehr optimistische Vorstellung davon, wie das Netz der Medienverbindungen neuem kulturellen Wachstum dienen kann. Die Medien können die Evolution beschleunigen, statt unsere natürliche Entwicklung zu hemmen, indem sie unsere Gliedmaßen amputieren und unsere Sinne betäuben. Aktive Nutzer glauben, daß die Medien den menschlichen oder sogar den planetarischen Geist bereichern können.
Wie uns unsere begrifflichen Urahnen erklären, wurde die Medienwelt durch autoritäre Mächte eingerichtet, um die Öffentlichkeit unter Kontrolle zu halten. Noam Chomsky, Medientheoretiker und Politikwissenschaftler in Massachusetts, hat in seiner langen Karriere immer wieder dargelegt, wie die Regierung der Vereinigten Staaten die Wissenschaft der Public Relations entwickelte, um ihre Bevölkerung davon zu überzeugen, welche Kriege den Einsatz wert seien und welche Gewerkschaften unsere nationale Sicherheit bedrohten. Zum Beispiel wurde Woodrow Wilson 1916 von einer pazifistischen Wählerschaft auf der Basis eines Friedensprogramms gewählt. Als seine Regierung jedoch in den Krieg eintrat, mußte er eine Veränderung der öffentlichen Meinung herbeiführen und gründete eine Propagandagruppe, die den Namen Creel-Kommission erhielt. Durch kreative Nutzung der Presse machte die Kommission Amerika schließlich enthusiastisch Kriegspropaganda für den Kampf gegen die Deutschen. Und was noch wichtiger war, sie entwickelte die ersten Techniken zur Kontrolle der Gefühlsregungen von Massen, die auch heute noch eingesetzt werden. Diese Techniken schaffen eine gigantische, von oben nach unten gegliederte Medienhierarchie, die, einmal eingesetzt, ihrem ursprünglichen Zweck entgegen zu arbeiten beginnt.
Leute wie Chomsky haben uns auf diese Techniken und die ihnen zugrundeliegenden Annahmen aufmerksam gemacht. Es ist auch hier wieder wichtig, sich daran zu erinnern, daß die mit Propaganda befaßten Menschen nicht notwendigerweise daran glauben, daß sie irgend etwas Böses tun. Sie verhalten sich einfach gemäß ihrer Weltanschauung. Eine der ersten Annahmen, die Medienkontrolleure (die Gegner der Medienaktivisten) machen, ist, daß unsere Nation am besten als ,,Zuschauerdemokratie" funktioniert. Die liberalen Intellektuellen der dreißiger und vierziger Jahre glaubten, daß das allgemeine Publikum zu dumm sei, um die Feinheiten der Regierung eines Landes zu begreifen. Statt dessen muß eine auserlesene Gruppe wohlmeinender Intellektueller die beste Handlungsweise festlegen und dann ,,den Konsens" der Bürger zu Dingen, die sie nicht wollen, die aber zu ihrem Besten sind, ,,herstellen". Anstatt die Öffentlichkeit durch intellektuelle Argumente zu überzeugen, bemühen sich die Public-Relations-Experten vor allem um die Vereinfachung von Problemen und rufen eine emotionale Reaktion bei den Zuschauern hervor.
Chomsky und andere haben gezeigt, daß die Absicht der PR-Industrie immer war, ,,das öffentliche Bewußtsein zu kontrollieren". Ihre Techniken reiften in den späten dreißiger Jahren weiter, als eine Woge gewerkschaftlicher Aktionen der Bevölkerung wahre Demokratie zu bringen drohte. Dann vereinigten sich die Verantwortlichen der Konzerne mit den Public-Relations-Experten und schufen eine überzeugendere Kampagne, die nicht einfach nur auf das Zusammenschlagen von Gewerkschaftsführern oder Prügelkommandos gegen Streikende hinauslief. Diese Aktionen schlossen die Öffentlichkeit nur gegen die Firmenleitungen zusammen. Die Mohawk-Valley-Formel (die zuerst in den dreißiger Jahren gegen einen Stahlarbeiterstreik in Pennsylvania angewendet wurde) war ein bahnbrechender Erfolg auf dem Weg zu einer subtileren Form der Überzeugungsarbeit. Statt die Gewerkschaften direkt anzugreifen, versuchten die Firmen, die öffentliche Meinung über die Medien zu beeinflussen. Diese selbstproklamierte ,,wissenschaftliche Methode des Streikbruchs" war eine Kampagne nach einem strengen Konzept, in der das soziale Problem auf eine einzige, leichtverständliche Botschaft reduziert wurde: Streikende tun uns allen weh. Sie machen die amerikanische Harmonie kaputt. Die einfache Propagandaformel bestand darin, daß die gewerkschaftliche Aktivität mit etwas Bösem, nämlich der Zwietracht und einer unamerikanischen (kommunistischen) Aktivität gleichgesetzt wurde. Das hatte nichts mit den wirklichen anstehenden Problemen zu tun - Löhne, Arbeitsbedingungen, gewerkschaftliche Rechte -, sondern kleidete das Problem in eine schlagzeilenartige, leicht faßliche bildliche Form: Streiken ist un-amerikanisch. Und so wurde der ,,gesunde Biß" geboren.
Man merkt, wie diese einfache Technik - Ablenkung und Simplifizierung - genau derjenigen der Bush-Regierung entspricht, die in den neunziger Jahren angewandt wurde, um die Öffentlichkeit für den Golfkrieg günstig zu stimmen. Die Demokraten wagten es nicht, im Kongreß eine Stimme des Protests gegen den Krieg zu erheben. Gegen den Krieg protestieren, bedeutete ,,unsere Truppen in Gefahr zu bringen". Die Simplifizierung des Problems drückte sich in der einfachen Formel aus: ,,Unterstützt unsere Truppen!". Doch es gibt in diesem Slogan keinen realen Gehalt. Es gibt keine Informationen, die man zu einer begründeten Entscheidung zu Rate ziehen kann. ,,Unterstützt unsere Truppen!" lenkt die Bevölkerung von der realen Frage ab: ,,Unterstützt du diesen Krieg?"
Es entspricht jedoch der Strategie, daß die Bürger gar nicht qualifiziert sind, solche Fragen zu beantworten. Sie sollten nicht laufend über politische Entscheidungen informiert werden. Sie sollten mit leichtverständlichen, aber bedeutungslosen Slogans gefüttert werden, hinter denen sie aufmarschieren können.
Sogar die Kuwaitis stellten neuzeitliche Public-Relations-Teams ein, die das amerikanische Volk mit einer brillanten Medienkampagne überzogen, komplettiert durch Gerüchte über unfaßbare Grausamkeiten der Irakis. Gegen den Krieg sein war gleichbedeutend mit der Befürwortung des Quälens von Kindern. Diese Technik heißt Marginalisierung und wird häufig verwendet, vor allem bei organisierten Reaktionen auf Medienviren. Um eine öffentliche Unterstützung für eine unlogische Politik zu gewinnen, müssen die Führer einen Feind benennen und dämonisieren und dann einen emotionalen Aufruhr gegen den Dämon aufpeitschen. Wer der vorgeschlagenen Politik noch widerspricht, muß kleingemacht, in die Ecke gedrängt, marginalisiert werden. Auf diese Weise wird Leuten, die den Zielen der Meinungsmacher widersprechen, das Gefühl vermittelt, absolut allein zu sein. Jeder, der zum Beispiel glaubt, daß die Fernsehnachrichten ein zutreffendes Abbild der Welt präsentieren, weiß nicht, daß sogar während des Reaganschen ,,Erdrutsches" drei Fünftel der amerikanischen Öffentlichkeit hofften, daß seine Politik - wie zum Beispiel die Militärausgaben - nicht wirklich durchgeführt würde. Aber diese Leute begriffen sich selbst als Teil einer kleinen, ungehörten Minderheit. Man nahm an, daß der ,,Erdrutsch" immer weiter ginge. Sie hielten sich für marginalisierte Seitentriebe einer Zuschauerdemokratie und beobachteten, wie sich das Weltgeschehen hinter dem Glas des Fernsehschirms weiterentwickelte.
Solange die Menschen das Gefühl haben, sie hätten keine Gewalt über die Bilder, die ihnen über die Medien präsentiert werden, haben sie auch das Gefühl, keine Macht über die Ereignisse in der wirklichen Welt zu haben. Durch die Präsentation von Nachrichten und Medien als sauberes, unkompliziertes, von oben nach unten geordnetes, unzugängliches, lineares Kontinuum mit richtigem Biß hindern die Public-Relations-Künstler Individuen mit unabhängigen Empfindungen daran, eine positive Reaktion von der sie umgebenden Welt zu erhalten. Dissidenten müssen das Gefühl bekommen, ganz allein zu sein.
Die letzte und wahrscheinlich entmündigendste Wirkung der Medienpropaganda ist die absichtliche Verzerrung der Realität. Wir glauben vielleicht nicht alles, was wir lesen - Schlagzeilen wie MARTIN DOLPHIN STIEHLT BABY MIT ZWEI KÖPFEN in Boulevardzeitungen haben uns dem gedruckten Wort gegenüber kritischer gemacht -, aber was wir in Bild und Ton im Fernsehen betrachten, scheint noch wirklich zu sein. Video ist eine überzeugende Angelegenheit. Auch fiktionale Bilder - wie die Kriegsgefangenenlager im Film Rambo - können an die Gefühle appellieren und die öffentliche Meinung beeinflussen. Wenn Amerika in den Krieg zieht, unterstützt Hollywood - ob absichtlich oder nicht - die Propagandabemühungen durch ,,Abbildung der allgemeinen Stimmung" und die bildliche Schilderung heldenhafter Schlachten gegen böse faschistische Mächte. Red Dawn (1984) zum Beispiel, der Film über Kinder, die eine russisch-kubanische Invasionsarmee bekämpfen, kam auf dem Höhepunkt der Bemühungen von Reagan und Bush zur Erhöhung der Militärausgaben heraus.
Diese fiktionalisierten, haßerzeugenden Bilder erreichen ihren absurden Höhepunkt in Fernsehsendungen wie ,,World Wrestling Federation", in denen saubere amerikanische Ringer in Schlagabtausch mit anderen treten, die als verrückte Iraker oder waffenstarrende Russen kostümiert sind. Die Übertreibung dieser Bilder macht jedoch die Strategie hinter der subtileren kriegsfördernden Propaganda deutlich. Die Produzenten oder Choreographen der Fernseh-Ringkämpfe betreiben keine bewußte Progaganda. Aber ihre Übertragung von kriegstreibenden emotionalen Anschüben in den fiktionalen Ring schwächt die Wirksamkeit dieser Strategie beim allgemeinen Publikum. Dadurch, daß die Streitkräfte in ihrem Bemühen um die Kontrolle der öffentlichen Meinung die fiktionalen Medien ermutigen, ihre Propagandastrategie zu übernehmen, unterminieren sie die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Kampagnen. Die fiktionalen Bildwelten sind ein Gesellschaftsspiel.
Das gegenwärtige Amalgam von Boulevard-Fernsehen und speziell für das Fernsehen gedrehter Filme verweist darauf, wie unscharf die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Fiktion in den heutigen Medien ist und wie die Vermischung der beiden Elemente zu Rückschlägen bei PR-Bemühungen führen kann. Durch das Ausborgen von Filmstreifen mit echten Nachrichten und ihre Einfügung in tatsachenbasierte, aber fiktionalisierte Geschichten hat die Fernsehindustrie Informationen aus der unwiderleglichen Welt der Tatsachen in die durch und durch relative Welt der Fiktionen geschoben. Es wird dort auch gezeigt, wie diese Filmausschnitte manipuliert werden können, um viele verschiedene Geschichten zu erzählen. Das Rodney-King-Band wurde wieder und wieder analysiert, bis der Punkt erreicht war, an dem es sowohl die Schuld als auch die Unschuld der Polizisten beweist. Am erschreckendsten für jene, die fiktionale Medien als Mittel der hierarchischen Kontrolle benutzen, ist die Art, in der Amerikaner, besonders jüngere, die ihnen vorgesetzten Bilder interpretieren: mit Ironie. Wenn sie den amerikanisch-arabischen Konflikt als Ringkampf zwischen zwei rhetorisch herumblubbernden Idioten dargestellt sehen, verändert sich auch die Art und Weise, in der Jugendliche die Nachrichten verstehen, sofern sie tatsächlich welche sehen. Wenn sie den feindlichen Ringer ausbuhen, dann mit einem Grinsen im Gesicht. Sie wissen, es ist nur ein Spiel. Wenn Saddam Hussein in den Abendnachrichten erscheint, schleicht sich ebenfalls diese Ironie ein. Die Bemühungen, an der Meinungsbildung herumzubasteln, sind voll zurückgeschlagen. Jeder Appell an die Gefühle, auch wenn er Tatsachen verwendet, muß fehlschlagen.
Jede PR-Technik ist durch die Art ihrer Installation in den Medien unterminiert worden. Die Amerikaner glauben nicht mehr an das, was ihre Medien behaupten oder kümmern sich nicht mehr darum. Zumindest schafft die Ironie Distanz. Wenn sie eine gefühlsmäßige Distanz zum Material haben, sind die Zuschauer vor den Techniken der Bewußtseinskontrolle geschützt. Wie der Stückeschreiber Bertolt Brecht entdeckte, schaffen Verfremdungstechniken dem Publikum Raum zum Nachdenken. Wenn Amy Fisher oder Lorena Bobbitt von sechs Monitoren im Monitor eingerahmt werden, erhält man genügend Distanz zu ihren Geschichten, um eher die Ironie der Medienfixierung auf sie zu erfahren als die gefühlsmäßige ,,Realität" ihrer Plädoyers.
So haben also Distanzierungseffekte der Medien - beabsichtigte oder unbeabsichtigte - den Zuschauern eine ästhetische und emotionale Sicherheit eingeimpft. Die Fiktionalisierung des Weltgeschehens in karikaturhafte Konflikte fügt ironische Elemente hinzu.
Eine weitere inzwischen nicht mehr funktionierende Technik der Medienherrschaft ist die Kontrolle der Technologie. Im Zweiten Weltkrieg verwirrte Hitler den US-Geheimdienst, indem er zur selben Zeit an mehr als einem Ort erschien. Hitlers Techniker, so stellte sich heraus, verwendeten magnetische Aufzeichnungsbänder - eine Innovation, die sich die Alliierten noch nicht einmal vorstellen konnten. In dieser sehr direkten Weise benutzte Hitler eine exklusive Medientechnologie, um ein unwahres Weltbild zu erzeugen. Heute, da die Bürger Zugang zu der einstmals exklusiven Technologie haben und sie in ihren Grundzügen verstehen, können sie nicht so leicht getäuscht werden wie der US-Geheimdienst im Zweiten Weltkrieg. Die Entwicklung auf dem Heimvideomarkt, verbunden mit der Fixierung der Medien auf sich selbst, hat unsere Beziehung zu den Bildern auf unserem Fernsehschirm grundlegend geändert. Wir wissen, daß eine aggressive News Show Sprengstoff auf einem Lastwagen von General Motors anbringen würde, um sicherzugehen, daß er bei einem Zusammenstoß explodiert, und daß eine geschickte Bearbeitung Dinge, die niemals geschehen sind, wirklich erscheinen lassen kann. Dekonstruktivistische Mediensatiren wie die veralberten Werbespots in ,,Saturday Night Live" enthüllen die ,,geheimen" Techniken des Marketing und machen einige der jüngsten Werbetrends unwirksam, manchmal schon einige Tage nach ihrem ersten Anlaufen.
Der wirkliche Niedergang der Propaganda kann vielleicht auch der Übernahme von PR-Techniken durch die großen Unternehmen zugeschrieben werden. Obwohl diese Techniken ursprünglich von Regierungsspezialisten eingesetzt wurden, um sich in Medienkampagnen bezahlt zu machen, die nach Überzeugung der Unternehmer ihren eigenen Interessen ebenso dienten - wie die Attacken auf die Gewerkschaften in den dreißiger Jahren -, sahen die Firmen in den vierziger und fünfziger Jahren den ungeheuren Wert, den PR für das Vermarkten ihrer eigenen Produkte haben könnte. Techniken, die vorher für die Erzeugung der Zuschauerdemokratie reserviert waren, wurden die Domäne der großindustriellen Interessen und nun für die Entwicklung einer Konsumenten-Demokratie eingesetzt, die entworfen wurde, um die ,,disponiblen" Einkommen der Nachkriegsperiode abzuschöpfen. Fernsehwerbung, Sendungen und sogar Filme förderten eine Weltsicht, in der das Glück käuflich war.
Dadurch, daß sie diese Entwicklung zuließ, schuf die Großindustrie jedoch etwas, das noch größer war als sie selbst. Die Datensphäre wurde geboren und setzte einige eigene Themen auf die Tagesordnung. Wir wollen uns zwei Entwicklungsmodelle dieses Cyberspace als einer wahren, gesellschaftlichen Landschaft ansehen. Das eine - vielleicht das extremere - schließt ein, daß der Medienkosmos als Erschaffung einer wirklichen Welt akzeptiert wird. Nach diesem Modell sind die Fasern des Mediennetzwerks den Fibern, Wurzeln oder Dendriten eines biologischen Wesens ähnlich und streben nach Ausdehnung, größerer Komplexität und der Verbindung mit anderen. Ausgestattet mit den emotionalen Verantwortlichkeiten eines lebendigen Wesens zeigen sich die Medien jeder Lage gewachsen.
Eine weniger radikale Sicht betrachtet die Entwicklung des Medienkosmos als unabsichtliche Installation eines ,,komplexen Systems", wie es die heutigen Mathematiker nennen würden. Ein recht neuer Zweig der Mathematik, der durch die Existenz der Computer möglich wurde, wendet ein neues Regelsystem an, wenn ein System - wie das Wetter, die Wellen des Ozeans oder die Bevölkerung des Planeten - zu komplex wird, um mit einfachen, linearen Gleichungen erfaßt zu werden. Wenn ein System diesen Grad der Komplexität erreicht hat, wird es als ,,chaotisch" betrachtet und entwickelt eine Reihe völlig neuer Eigenschaften; diese Eigenschaften zerstören generell jeden Anspruch auf Ordnung oder Kontrolle, so wie die Kraft des Ozeans gelegentlich Mauern und Deiche zerbricht.
In welcher Weise man die Ausdehnung der Medien zu einer Datensphäre auch betrachtet, es wird deutlich, daß uns diese Technik aus der Hand gleitet. Sie ist zu groß und zu komplex geworden, um von einer einzelnen Gruppe kontrolliert zu werden, und hat sich so gegen die ursprünglich existierenden Absichten gewendet, indem sie die Bevölkerung, die sie eigentlich lenken sollte, mit größeren Machtmitteln ausstattet.
Seit dem Zweiten Weltkrieg war es der Zweck der Medien, den Appetit der Zuschauer nach neuen Produkten zu wecken. In den fünfziger Jahren war die Welt auf dem Fernsehschirm ein Phantasiereich mit Autos, Haushaltsgeräten, Lebensstilen und Gewohnheiten, durch das die Konsumwünsche ständig angefacht wurden. Dieses nationale Medien-Universum funktionierte besser, als die Marketing-Spezialisten erwartet hatten. In den sechziger Jahren waren die Medien bereits eine Welt für sich geworden. Es wuchsen Kinder auf, die mehr Zeit in der Medienwelt verbrachten als in der wirklichen Welt. Die Datensphäre wurde zu unserer neuen natürlichen Umgebung. Wir maßen ihr einen großen inneren Wert zu. Wir verglichen unser eigenes Leben mit dem von Maria Brady in ,,The Brady Bunch" oder Will Robinson in ,,Lost in Space". Fernsehfiguren drangen in unsere Diskussionen, unsere Phantasien und sogar in unsere Träume ein. Bei der Planung von Geselligkeiten wurde das Fernsehprogramm berücksichtigt. Die Verehrung bestimmter Comics und Cartoons entschied eher über unseren kulturellen Standort als das Betreiben einer bestimmten Sportart oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche. Wir behandelten den Medienkosmos wie einen realen Ort, und er zeigte sich dieser Situation gewachsen.
Die Datensphäre begann, sich wie ein lebender Organismus zu verhalten - ein System mit einem so komplexen, weitreichenden und selbsterhaltenden Verhalten wie die Natur selbst. Sie war auf Wachstum aus wie jedes biologische Wesen. Mit der Hilfe des Geldes von jenen, die immer noch glaubten, an den Fäden einer Konsumkultur zu ziehen, dehnten sich die Medien zu dem ungeheuren weltweiten Netz aus, das wir heute antreffen. Auf Fernsehnetze und unabhängige Stationen folgten Satellitenverbindungen, Kabelfernsehen, das Telefonmarketing, Computernetzwerke, Videogeräte und häusliche Einkaufsgemeinschaften. Unsere Mediennetze konnten jedermann erreichen und hatten eine noch größere Ausdehnung als die endlosen Schienenstränge der Bahn, das Straßen- oder Flugnetz.
In den siebziger Jahren entsprach es den kulturellen Gewohnheiten, das Fernsehen als Ersatzmutter für das Schlüsselkind zu beschäftigen und das Radio als Bettgefährten für den einsamen Geschiedenen. In den achtziger Jahren kamen Porno-Videos als voyeuristische Ersatzmittel für Ungesellige auf, und in den neunziger Jahren wurden 976-Telefonnummern die bevorzugte Form des ,,safer sex" für Leute, die eine Ansteckung fürchten. Marketing-Spezialisten sahen, wie sehr sich Menschen in Bezug auf Medien engagierten und begannen, die Medien selbst als ihr größtes Produkt zu vermarkten. Die neuesten und besten Produkte waren Werkzeuge zum Fernsehen und für andere Medien. (Ironischerweise zeigten die Nachrichtenbilder von den Unruhen in Los Angeles, die durch ein Camcorder-Band angefacht worden waren, daß die Plünderer meist Fernseher und Videogeräte davonschleppten.) Fernsehwerbung für nichtmediale Produkte wie Autos und Deodorants ist nur konkurrenzfähig, wenn sie Fernsehbilder in Fernsehbildern in ihren Werbestreifen zeigt. Die Werbeleute begannen, Zuschauer zu verführen, indem sie Werbefilme machten, in denen Leute Fernseh-Werbefilme sehen und sie kommentieren. Die Medien selbst brachten die Medien auf den Begriff. Das ging bis zu dem Punkt, an dem sich das Gleichgewicht in den Medien für immer verschob.
Die Marketing-Leute wurden selber zu Schachfiguren im Dienste des Mediums. Wie jeder lebendige Organismus bemüht sich das Medium darum, mit dem Rest der natürlichen Welt zu kommunizieren - mit all den Leuten, die es als Gefährten, als Elternteil oder als Geliebte behandeln. Eine Firma mit dem Name Odyssey ermöglichte es, wie ihr Name auch nahelegt, dem Medium zum ersten Male, den Kreislauf zu schließen und zu seinen Schöpfern zurückzukehren. In den siebziger Jahren brachte Odyssey ein Spiel namens Pong heraus, das erste Videospiel, das auf dem häuslichen Fernsehschirm gespielt werden konnte. Dr. Timothy Leary, der - wenn er überhaupt irgendwie eingeordnet werden kann - als Experte für die Auswirkung von neuen Technologien auf das menschliche Bewußtsein angesehen werden kann, preist die Erfindung von Pong als wichtigen Wendepunkt der modernen Kultur. Ich befragte ihn Ende 1993 über die Revolution der Videospiele:
,,Pong war das erste Spiel, mit dem man selbst Dinge auf dem Bildschirm bewegen konnte. Der Pong-Schläger ist fast schon ein Cursor, und natürlich kam kurz darauf der PC auf. Die Bedeutung des Nintendo-Phänomens entspricht etwa der der Druckerpresse Gutenbergs. Hier war eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen, die wußte, daß man das, was auf dem Schirm ist, verändern kann. Oben sitzen Mama und Papa - die zur Baby-Boom-Generation gehören - im Wohnzimmer und sehen passiv die Nachrichten oder die Abendunterhaltung, wie sie schon passiv Disney-Filme sahen, als sie noch Kinder waren. Und unten im Kinderzimmer verändern die Kinder den Bildschirm. ,Was machen sie da?` ,Sie spielen mit diesem verdammten Nintendo! Sie sollten besser hier oben sitzen und sich etwas ansehen, mit dem sie sich weiterbilden können.` Es gibt aber gar kein Bildungsfernsehen. Das ist der Gipfel der Doppeldeutigkeit. Die Möglichkeit, das zu ändern, was auf dem Bildschirm ist, ist eine ungeheure Bereicherung."
Durch ihre Beiträge zum Kindermarkt bereicherten die Ingenieure der Konsumkultur unabsichtlich die Massen, die sie manipulieren wollten. Die Marketing-Leute wollten nur Produkte verkaufen und verfolgten die Philosophie des ,,Gib den Kindern, was sie wollen". Durch die Schaffung eines Kindermarktes erzeugten sie auch eine Kinderkultur mit eigenen Bedürfnissen und eigener Nachfrage. Sie schufen das, was wir heute ,,Generation X" nennen - die erste Generation von Amerikanern, die sich in einer symbiotischen Beziehung mit Medien befinden.
Die nach 1960 geborenen GenXers wurden in einem Roman von Doug Coupland so bezeichnet - Generation X. Es geht darin um Kinder, deren Leben nicht den Versprechungen von ,,The Brady Bunch" oder ,,The Partridge Family" entsprach. Sie waren gezwungen, neue Einstellungen zu den Medienbildern von der Welt um sie herum zu entwickeln. Obschon sie mit vielen Eigenschaften belegt wurden - einfältig, apathisch, seicht, unersättlich, nörgelig -, ist ihre wichtigste Qualität in Bezug auf die Medien ihr Sinn für Ironie und ihre Respektlosigkeit. Wie wir gesehen haben, entwickelte sich die Ironie durch eine emotionale Distanz zu den Gegenständen der Medien. Die Respektlosigkeit gegenüber den heiligen Kühen der Ideologie der populären Kultur hängt mit der Fähigkeit dieser Generation zusammen, das zu ändern, was auf dem Bildschirm ist. Sie lassen sich von den Medien nicht einfach etwas vorsetzen. Sie manipulieren es. Sie spielen damit. Das Medium ist kein ,,Spiegel" - es ist ein ,,anderer". Sie befinden sich in einer lebendigen Beziehung mit ihm.
Auch wenn ihre Eltern den Gameboy als hirnlos und masturbatorisch verdammen, besitzen die Kinder, die von klein auf Videospiele beherrschen, eine bessere Chance, sich die wirkliche, aber vermittelte Interaktivität zu eigen zu machen, die in der Zeit ihrer Techno-Pubertät auf sie zukommt. Der Gameboy lehrt die Kinder, wie sie ihre Geräte benutzen können. Sie können dann aufsteigen in die Sphäre der Computer-Konferenzen und der Videoproduktion, die ihnen die Interaktion mit anderen menschlichen Wesen ermöglichen. Computer-Netzwerke und Informationssysteme haben vielen jungen Amerikanern, die eine Interaktion ohne die Beobachtung durch die Eltern wollen, die Feste im Dorfgemeinschaftshaus und die Mittelstufenbälle ersetzt.
Die andere häufige Kritik an der Generation X lautet, sie sei nicht kreativ. Ihre Unterhaltungen - im wirklichen Leben und in Computernetzen - und auch ihre eigenen Fernsehshows haben meist das Medium selbst zum Thema. Statt Originalschauplätze oder neues Material zu liefern, erwägen sie die moralischen Positionen in einer Folge von ,,Ren & Stimpy" oder ,,Beavis and Butt-head", als wären es die neuesten Errungenschaften der Kulturtheorie. Die Ästhetik der Generation X und ihre begrifflichen Voraussetzungen sind eine Wiederholung der schon in den Medien vorhandenen Bildlichkeit. In der Nachfolge postmoderner Künstler wie Andy Warhol untersuchen die GenXer immer wieder die Bilder, die ihre eigene Weltsicht formten, und tun das mit Humor. ,,Ich wollte Penelope Pitstop bumsen", beginnt eine Unterhaltung in einer Computer-Mailbox, wobei sich die Äußerung auf die frühere Verehrung einer Cartoon-Figur bezieht.
Die aktiven, mediengewieften jungen Amerikaner stimmen alle im Spaß an der Dekonstruktion und Kritik der Medien überein. Dokumentarsendungen machen die dünne Logik und das knechtische Gewährenlassen der Nachrichtenleute in den Fernsehnetzen deutlich, während Filme und heitere Serien berühmte Augenblicke der Mediengeschichte wiederentstehen lassen und satirisch betrachten. Comicbücher und Plakate der Generation X greifen die wiedererkennbare Bildwelt der populären Presse auf und kommentieren sie mit sarkastischen Dialogen oder witzigen Pointen, durch die die tiefere Bedeutung oder die verquere Logik der Originalbilder deutlich gemacht wird.
Basierend auf den Stärken der verfügbaren Werkzeuge - wie Xerox-Kopierern, Macintosh-Computern und Sony-Recordern -, mit denen sich leichter Samples schneiden und bearbeiten lassen als neues Material aufnehmen, baut die Generation X auf die Techniken der Wiederverwertung, der Freistellung und des Einbaus von Bildern in einen neuen Zusammenhang; dabei herrscht ironische Distanz. Sie hat eine neue Sprache der Bezüge und Selbstbezüge entwickelt, in der die Medien als die Hauptsache und die Mediengeschichte als die tatsächliche Sozialgeschichte figurieren.
Die Tanzpartnerschaft zwischen der Generation X und ihren Medien erzeugte einen lebendigen Austausch zwischen Menschen und der Datensphäre. Durch die Auswahl- und Beteiligungsmöglichkeiten der Zuschauer errang die Generation X die Fähigkeit, dem Cyberspace die wirkungsvollsten Bilder zurückzumelden und so die allgemeine Qualität des Medienkosmos zu ändern.
Die Medien sind zur natürlichen Welt geworden.
Die zunehmend unergründliche Komplexität der Medienwelt scheint erstaunlich einfach zu sein, wenn ihre chaotischen Eigenschaften in Rechnung gezogen werden. Die bizarren neuen Wirkungen, die Medien auf unsere Kultur ausüben, müssen als Einfluß des Chaos auf ein System betrachtet werden, das ursprünglich als ordnungsstiftend geplant war, dann aber zu komplex wurde, um noch gehandhabt werden zu können.
Chaos bedeutet heute sehr viel mehr als einfach nur zufällige Ereignisse. Chaos ist die Art und Weise, in der sich die Natur wieder gegenüber unseren Bemühungen zur Organisation und Kontrolle geltend macht, besonders wenn diese Bemühungen gezielt Unterdrückungscharakter haben.
Ein geordnetes System verwandelt sich in ein chaotisches - einfach ausgedrückt - durch Komplexität. Ein kleiner Wasserlauf kann als geordnetes System verstanden werden, und seine Bewegung kann unter Verwendung einfacher Gleichungen vorausgesagt werden. Der Ozean, andererseits, wird in seiner Bewegung von zu vielen Faktoren beeinflußt, als daß er auf ein oder zwei schlichte lineare Gleichungen reduziert werden könnte. Dennoch können die Bewegung und die Eigenschaften eines so komplexen Systems wie des Ozeans (oder sogar der Datensphäre) berechnet werden, wenn seine wesentlich chaotische Natur akzeptiert wird. Chaos, daran ist zu erinnern, bedeutet nicht Zufall; chaotische Systeme beruhen auf Ordnung.
Die wesentlichen Prinzipien des Chaos, wie sie heute von der Mathematik beschrieben werden, heißen ,,Rückkopplung" und ,,Iteration". Wenn ein System diese beiden Eigenschaften aufweist, verhält es sich chaotisch. Rückkopplung ist die Fähigkeit, mit den Umgebungsbedingungen in Interaktion zu treten. Der Thermostat einer Heizung ist das einfachste Beispiel für ein mit Rückkopplung arbeitendes Gerät. Wenn das Zimmer zu kalt wird, schaltet der Thermostat die Heizung ein und verändert die Umgebung im Zimmer. Wenn das Zimmer zu warm wird, schaltet der Thermostat die Heizung aus und regelt die Temperatur in seiner Umgebung durch die Zurückgabe von Informationen an das Heizungssystem. Es gibt auch in der Natur viele solcher Rückkopplungsschleifen. Wenn die Rattenpopulation in einem Gebiet zu groß wird, wächst auch die Population ihrer natürlichen Feinde, zum Beispiel der Habichte. Die Welt wird für die Ratten gefährlicher, es überleben weniger, und die Rattenpopulation sinkt wieder. Die verbliebene Überschußpopulation der Habichte wird durch den Rückgang an verfügbarer Nahrung korrigiert, und bald geht diese Population wieder auf ein normales Maß zurück. Alle chaotischen Systeme - einschließlich der Medien - haben viele Rückkopplungskanäle.
Mit der Rückkopplung ist das Prinzip der Iteration verbunden. Wenn ein Mikrophon zu nahe an dem Lautsprecher steht, durch den es verstärkt wird, kann es zu einem lauten Kreischen kommen. Wir nennen das ,,Rückkopplung", weil das Mikrophon sein eigenes verstärktes Geräusch hört und dieses Geräusch dann zum Lautsprecher zurückkoppelt. Im Falle eines Mikrophons wiederholt sich dieser Vorgang immer wieder. Das Mikrophon hört sein eigenes Geräusch, koppelt es zum Lautsprecher zurück, hört dieses Geräusch, gibt es zurück und so weiter, mehrere Tausend Male pro Sekunde. Diese Rückkopplung wiederholt sich so oft, daß sie sich zu einem schrecklichen lauten Geräusch entwickelt. Das gleiche Prinzip kann bei ökonomischen Berechnungen beobachtet werden. Wenn sich die Regierung zum Beispiel für die Entlohnung aller ihrer Beschäftigten um einen halben Cent pro Stunde verrechnet hat, vervielfacht sich dieser kleine Irrtum, wenn alle Arbeitsstunden aller Beschäftigten in einem Jahr betrachtet werden. Die ,,Iteration", also die selbsttätige Vervielfachung, ergibt einen Fehler von vielen Millionen Dollar.
Man kann gut beobachten, daß die Datensphäre und interaktive Medien der Kultur eine Methode zur Erzeugung von Rückkopplung und Iteration bieten. Während diese Mediensysteme aufgebaut wurden, um unabhängiges Denken und eigene Aktivitäten einzuschränken, dienten sie dazu, den Bürgern privat einen nie dagewesenen Zugang zu den Bildschirmen und Lautsprechern ihrer Zeitgenossen zu gewähren. Jedes Kabel, das eine ,,zentrale Steuereinheit" mit einem Haus verbindet, verbindet auch dieses Haus mit der Steuereinheit oder, besser, verbindet es mit dem Rest der Welt. Die bekanntesten Rückkopplungskanäle sind Foren wie Anrufsendungen im Radio oder Fernsehshows mit Publikumsbeteiligung wie ,,Donahue". (,,Wer von Ihnen stimmt unserem Gast zu?" Das Publikum applaudiert zur Bestätigung.) Aber das sind sanktionierte Rückkopplungen, sozusagen auf Bestellung einer Zielgruppe oder zur Marktbeobachtung. Die unerwartete Rückkopplung, die der örtliche Kabelzugang, das private Videogerät, die Computer-Netzwerke und sogar die Satellitenübertragung bieten, hat sich als viel vernichtender für jene erwiesen, die die Kontrolle über die öffentliche Meinung ausüben wollten.
So wie der Schmetterling in China seine Flügel bewegen und damit einen Orkan in New York auslösen kann, kann ein winziges kulturelles Ereignis, wenn es in der Datensphäre iteriert wird, einen kulturellen Sturm auslösen. Rodney King war ein solcher Schmetterling. Die zweiminütige, verrauschte Videoaufzeichnung seiner Festnahme wurde im Medienkosmos rückgekoppelt und iteriert und rief eins der gewalttätigsten Ereignisse in der jüngsten Geschichte unserer Nation hervor.
Die Freiheit der Vervielfachung ist gewährleistet durch Fotokopierer und Faxgeräte, durch Computer-Informationsdienste, E-Mail-Listen, Bandkopien und letztlich auch durch eine erfolgreiche Selbstinszenierung. Die Einspeisung eines Gedankens oder eines Gefühls in das Mediennetz ist einfach - es ist fast unmöglich, es nicht dauernd zu tun. Die Datensphäre ist hungrig. Wenn eine bereits eingespeiste Idee andere wachruft, verbreitet sie sich in der Datensphäre ohne weiteres Zutun ihres Erzeugers.
Es ist uninteressant geworden, ob die Datensphäre ,,lebendig" ist oder nicht. Wie der Ozean, das Wetter oder ein Korallenriff verhält sie sich so, als ob.
Der Begriff Viren lag natürlich nahe, weil es um die effektive Nutzung von Rückkopplung und Iteration geht. Viren geben den Anstoß zum Chaos und sind in ihrer Struktur darauf angelegt, Vorteile aus diesen chaotischen und organischen Eigenschaften der Medienwelt zu schlagen. Sie kämpfen gegen die von PR-Firmen entwickelten Techniken zur Erzeugung einer passiven, manipulierbaren Bevölkerung. Wir wollen uns der Reihe nach ansehen, wie die Viren diese Techniken in der modernen Datensphäre neutralisieren.
Viren bekämpfen Vereinfachung und Ablenkung. ,,Just say no" zum Beispiel ist eine PR-Anstrengung, mit der die wirklichen Probleme des Drogenkonsums vereinfacht werden sollen, um uns so von ihnen abzulenken. Der Slogan geht absichtlich über die komplexe Realität des Ghettolebens, den sozialen Druck durch Leitfiguren, die Legalität bestimmter Drogen und den möglichen Nutzen anderer hinweg. In ähnlicher Weise appelliert ,,Krieg den Drogen" an die Gefühle und verschleiert andere Probleme - Rassismus, Angst und Klassenprobleme -, indem eine Leerformel gegen einen Feind geschleudert wird, der wir zustimmen können. Das Problem ist gar nicht, ob der Drogenkonsum sanktioniert werden sollte oder nicht. Das Problem ist die spezielle Taktik, die von den PR-Experten angewendet wird, um die öffentliche Meinung zu beherrschen.
Die mit den Drogenproblemen beschäftigten gegenkulturellen Gruppen erzeugen Viren, mit denen diese einfachen Slogans zum Platzen gebracht werden. Die Viren erzeugen weitere Fragen und geben keine passenden Antworten. Das Virus der ,,smart drugs" zum Beispiel ist ein offensichtlich in sich widersprüchlicher Ausdruck, der uns ,,Hä?" fragen läßt. Wir erheben nicht unsere Faust im Zorn gegen einen feststehenden Feind, sondern sind statt dessen dazu gezwungen, uns einen Reim darauf zu machen oder das zumindest zu versuchen. Viren stellen Probleme eher zur Diskussion, statt uns eine Entschuldigung dafür zu bieten, daß wir unseren Zweifel unterdrücken. Sie machen unsere begriffliche Welt zu einem verwirrenderen, chaotischen Ort. Alles ist möglich.
Der Unterschied zwischen einem Medienvirus und einem altmodischen PR-Manöver läßt sich am leichtesten erkennen, wenn bestimmt wird, ob ein Problem einfach und aus dem Gefühl heraus dargestellt wird oder entmutigend komplex. Ein Virus läßt das System, das es angreift, immer so verwirrend und undurchdringlich erscheinen, wie es wirklich ist. Die Technik der Vereinfachung und Ablenkung wird durch das Medienvirus unwirksam.
Medienviren machen auch die Technik der Marginalisierung unwirksam. Die erste Reaktion der offiziellen PR auf eine gegenkulturelle Idee ist die Marginalisierung. Wenn man gegen den Krieg ist, bekommt man den Stempel ,,gegen unsere Truppen" verpaßt. Wenn man die Rechte der Schwulen vertritt, heißt es, man sei ,,gegen die Werte der Familie" oder gar ,,für AIDS und für Pädasterie". Aber die Schale eines gutgemachten Virus erlaubt seinen Memen die Ausbreitung, bevor sie in die Ecke gedrängt werden können. Die Schale verbirgt die Sache, um die es eigentlich geht.
Medienviren wird die Ausbreitung häufig erlaubt, ohne daß das mit den gefährlichen Ideen in ihrem Inneren zu tun hat - die Schale kann als Köder wirken. Noch besser ist, daß die herrschenden Kräfte in der öffentlichen Meinung oft den Krieg gegen die Schale eines Virus beginnen, bevor sie sein inneres Wesen verstanden haben. Ihre Bemühungen zur Marginalisierung der Schale erlaubt dem Virus nur die weitere Ausbreitung. Ice-T's böser Text ,,Cop Killer" wurde zum Beispiel nur deshalb bekannt, weil es Anstrengungen gab, ihn aus der Welt zu schaffen. Die Meme des Medienvirus überstanden die Verdrängungsversuche, weil das Problem ,,Zensur der Rockmusik" ein Selbstläufer ist.
Viren hindern, wie wir oben gesehen haben, die ,,Hersteller des Konsenses" daran, ,,Abbildung als Realität" auszubeuten. Viren hüllen sich selbst in Ironie und appellieren an die Sensibilität ihrer Zuschauer. Die Hülle des Virus kann als Schranke verstanden werden, die uns in die Distanz zu den im Virus enthaltenen Problemen zwingt. Diese Objektivierung der Probleme erlaubt es uns, die Symbole unserer Medien als Symbole und nicht als Realität zu begreifen. Wir werden uns der Komplexität unter der Oberfläche scheinbar einfacher Abbildungen der Realität bewußt.
Diese Komplexität fördert die eher chaotischen Tendenzen der Medien und der Kultur. Die Viren und die Datensphäre bringen offen zum Vorschein, was Chaos-Mathematiker ,,Selbstähnlichkeit" nennen und eine neue Erklärung für viele Formen in der Natur darstellt. Ein Farn zum Beispiel hat Wurzeln, deren Struktur den Zweigen ähnelt, die den Gefäßen in den Blättern ähnlich sind, die der Struktur der Zellen ähnlich sind. Die Gestalt der ganzen Pflanze spiegelt das Muster von Pflanzen auf Waldboden wider, der das Muster von Waldgebieten auf dem Lande widerspiegelt, und so weiter. Die Medienwelt weist dieselbe Selbstähnlichkeit auf, wobei die Struktur der Fernseh-Kabelnetze die Struktur einzelner Fernsehgeräte widerspiegelt, die wiederum die Struktur der optischen Netzwerke in den Menschen widerspiegelt, die sie betrachten.
Gegenkulturelle Medien benutzen im allgemeinen diese Selbstähnlichkeit und arbeiten ergänzend auf vielen Ebenen gleichzeitig. Das Musikvideo für Right Here, Right Now von Jesus Jones zum Beispiel dreht sich darum, daß unsere Kultur einen Augenblick erlebt, in dem sie eine Gelegenheit hat, aus ihren historischen Kreisläufen auszubrechen. ,,Hier und jetzt", vermittelt der Text, ,,gibt es keinen Platz, an dem ich lieber wäre. Hier und jetzt beobachte ich, wie die Welt aus der Geschichte erwacht." Hinter der Band befindet sich eine Leinwand, auf der schnell geschnittene Nachrichtenbilder zu sehen sind: Szenen von der Schleifung der Berliner Mauer oder vom Fall des Kommunismus. Das Video ist eine schnelle Folge unzusammenhängender Ausschnitte, durch die die linearen Ordnungsregeln des erzählerischen Filmemachens durchbrochen werden.
Es wird in MTV gezeigt, das ein Video nach dem anderen abspielt, wobei eine Verbindung nur durch desorientierende, unzusammenhängende Grafiken hergestellt wird. Das MTV-Netz ist nur einer der vielen im Kabel verfügbaren Kanäle, durch die sich der Zuschauer mit seiner Fernbedienung schaltet, der CNN-Bilder auf einem Kanal betrachtet, Musikbilder auf einem anderen, und beide zusammengemixt in dem genannten Video. Um ihre eigene Position in diesem gigantischen selbstähnlichen Wurzelwerk deutlich zu machen, lassen sich die Bandmitglieder die Nachrichtenausschnitte direkt auf ihre Körper projizieren. Jesus Jones singt über das unzusammenhängende Wesen der modernen Sozialgeschichte, und sein Video, die ausstrahlende Station und das Medium, durch das es verbreitet wird, weisen alle die gleiche Diskontinuität auf.
Das letzte Manöver der Public Relations, das die Viren vereiteln, ist die Aufrechterhaltung einer einflußlosen Zuschauerdemokratie. Partizipatorische, auf Rückkopplung basierende Medien verhindern, daß Individuen mit abweichenden Positionen das Gefühl bekommen, allein zu sein. Nachrichtensendungen, die sich zu zeigen bemühen, daß Amerika einen bestimmten Krieg unterstützt, werden durch alternative Berichte über Proteste und Demonstrationen unterminiert. Jeder, der eine Hauptnachrichtensendung sieht, kann seine Unzufriedenheit mit der Art und Weise, in der die Geschichte präsentiert wurde, ausdrücken, indem er eine Gesprächssendung im Radio anruft oder seine Meinung als Nachricht in einem Computer-Informationsdienst hinterläßt. Die Faxübertragung und die Radiopiraterie vermittelten Massen an Unzufriedenen im vorrevolutionären Rumänien die Erkenntnis, nicht allein zu sein. Sie durften sich bis dahin vielleicht nicht einmal legal in der Öffentlichkeit versammeln, aber ihre Alternativ-Medien erlaubten ihnen Netzwerk-Kontakte, eine Art Organisation und die erfolgreiche Suche nach anderen Menschen, die sich von ihren Führern ebenso marginalisiert vorkamen.
Die Beteiligung kann vom einfachen Fernsehen bis zum Entwurf globaler Netzwerke reichen. Die Antriebskräfte in der Datensphäre sind nur begrenzt durch die Anzahl der Arten, in der eine Person Viren ausgesetzt sein oder sie iterieren kann. Mit dem Wachstum der Medienwelt kommt jeder von uns mit einem größeren Teil unserer virenhaltigen Kultur zusammen. Die Medien provozieren eine neue Form der Intimität, und niemand kann der Flut ausweichen.
Die Medien sind nämlich wie Wasser. Sie transportieren soziale Elektrizität. Wohin auch immer sie sich ausbreiten, werden auch ihre Inhalte präsent. Das ist für viele von uns eine sehr beängstigende Prämisse, die uns in unserer gegenwärtigen kulturellen Paranoia, unserer geistigen Unzufriedenheit und unserer globalen Problematik an den Wurzeln trifft.
Viele Menschen fürchten den Medienkosmos. Traditionellerweise waren es die sogenannten Linken, die Ökologen und die New-Age-Gruppierungen, die sich dem Überhandnehmen dieser Technologien widersetzten. Viele Vertreter dieser Gruppen wollen oder können immer noch nicht anerkennen, daß die Datensphäre die Möglichkeit bietet, echte basisdemokratische gegenkulturelle Kampagnen in Gang zu setzen. Viele Ökologen weigern sich, zwischen schmutzigen Technologien (Kohleverbrennung, Autofahren, Papierherstellung) und ,,sauberen" Technologien (Fernsehen, Computer) zu unterscheiden und hängen statt dessen der maschinenstürmerischen Auffassung an, daß jede Technologie unnatürlich sei und das Ökosystem des Planeten zerstöre.
Der vielleicht lauteste Schlachtruf gegen die Medien kommt aus der New-Age-Ecke, in der Medien immer noch mit den Konsumideologien identifiziert werden, die sie in der Vergangenheit so oft propagiert haben. In einem bizarren Akt des kulturellen Selbstekels empfinden die New-Age-Führer alles Amerikanische - und speziell unsere Medien-Ikonographie - als falsch und künstlich.
Der Gesellschaftstheoretiker und anerkannte New-Age-Sprecher William Irwin Thompson, der etwa fünfzig Jahre alt ist, wurde mit seinem Buch The American Replacement of Nature bekannt, in dem er warnend ausführt, daß die Entwicklung des Medienkosmos eine ,,unnatürliche" Sache sei. Er legt sogar dar, daß die Einrichtung der Mediennetze in Amerika als ,,Kollektivierung" verstanden werden müßte, ,,die mythologisch als Inkarnation des Dämons Ahriman identifiziert werden kann". Der Medienapparat ist mit anderen Worten das Reich Satans und der Vorschein der Apokalypse.
Thompson hat recht damit, daß die amerikanische wie vielleicht die ganze westliche Kultur auf Zukunftsangst aufgebaut ist. Unsere biblischen Mythen behandeln unsere ursprüngliche und unnötige Trennung von Gott, die Geschlechtertrennung und die Natur selbst. Aus dem ,,Einssein" des Garten Eden ausgestoßen, entwickelten wir eine Welt der Dualität und Moralität. Wir haben traditionellerweise das Weibliche, das Chaotische und das Natürliche mit dem Bösen identifiziert. Die ursprüngliche, von Public-Relations-Firmen entwickelte Ikonographie, die von den Medien verbreitet wurde, unterstrich diese dualistischen Auffassungen von richtig und falsch, gut und böse. Es ist ziemlich erstaunlich, daß die Entwicklung der Medienwelt, die diese dualistischen Auffassungen durchbricht, während sie eine Atmosphäre des Chaos fördert, ,,böse" genannt werden kann.
Weiterhin hatte die technologische Entwicklung zum größten Teil immer dazu gedient, uns in dem Maße von den natürlichen Elementen zu isolieren, wie wir die Mächte der Natur zu beherrschen versuchten, von denen wir ausgeschlossen waren. Heute dient die Technologie dazu, uns alle mit der Natur und miteinander zu verbinden. Die Datensphäre, als unabhängiges irreversibles chaotisches System, stellt eine natürliche Ordnung wieder her, wo es vorher eine hierarchische Struktur gab. Natürlich sehen das die Leute als Machtübernahme des Satans an!
Wir können uns vor den Bazillen schützen, die andere Leute ausatmen, aber - solange wir fernsehen oder Zeitungen lesen - nicht vor den Memen, die sie in die Datensphäre entlassen. Wir schwimmen alle in demselben Datenozean.
Diese Technologie erscheint heute eher die Sache der Natur zu unterstützen als uns vor ihr zu schützen - das ist vielleicht der beängstigendste, aber wichtigste Aspekt der Medienrevolution. Die künstlichen Unterscheidungen zwischen Menschen, Klassen und sogar Religionen verschwinden in dem Maße, wie die ,,besondere Berücksichtigung", die früher eine Person bedurfte, um an Informationen zu gelangen, ihre Bedeutung verliert.
,,Die elektronische Kommunikation vernichtet die auf Schriftlichkeit basierende Zivilisation vollständig", führte Thompson aus, als er zum ersten Mal von den Prämissen dieses Buchs hörte. ,,Ihre Generation liest nicht!" Er gab jedoch schließlich zu, daß es ,,einigermaßen gute Aussichten gibt, daß wir gewaltsam aufeinander zu geschleudert werden. Es gibt keine Privatsphäre mehr. Die Idee der Schriftkultur ist in ihrem Grunde eine bürgerliche Vorstellung - es ist der wohlsituierte Herr in seinem büchergefüllten Arbeitszimmer, der Muße zum Nachdenken hat. Das ist eine sehr elitäre Vorstellung."
Das ist es tatsächlich. Und es ist eine Vorstellung, die ein nichtdiskriminierender Medienkosmos zerstört. Die Medien lassen die Welt schrumpfen und bringen die Wirklichkeit entfernter Regionen in jedermanns Wohnzimmer. Thompson stimmt zu, daß es davor kein Entrinnen gibt: ,,Es gibt ständig Invasionen in unsere Kultur, wir müssen ständig Horrorszenen sehen, wie die in Bosnien. Die Zeitungen und das Fernsehen schärfen die Sinne dafür, daß der ganze Planet ein öffentlicher Raum ist. Und deshalb ist es sehr schwierig, sich der Moral zu entziehen."
Der einzige echte Widerstand gegen die Ausbreitung der Datensphäre scheint von fundamentalistischen Nationen und Gruppen zu kommen. Fundamentalismus bedeutet geradezu die Aufrechterhaltung einer besonderen kulturellen oder religiösen Identität. Die Datensphäre neigt dazu, den ganzen Erdball zu einem einzigen öffentlichen Platz zu machen. Je weiter die Medien in eine Nation oder einen Kult eindringen, desto schwieriger wird es für deren Führer, die Beschränkungen ihres Konzepts aufrechtzuerhalten. Darum reagierte der Ayatollah auf Salman Rushdies Satanische Verse mit einem Mordbefehl. Ein Staat, der auf einer fundamentalistischen Ordnung beruht, kann im Datenozean nicht überleben.
Wenn die New Yorker Zeitschrift Seven Days recht hat, ist die ganze Rushdie-Geschichte das Ergebnis eines (sozusagen) extrem erfolgreichen Medienvirus. Rushdies Agent, so berichtet die Zeitschrift, war über die anfänglich schlechten Verkaufszahlen bekümmert und schickte selbst dem Ayatollah ein Exemplar des Buchs, in der Hoffnung, irgend etwas in Bewegung zu setzen.
Es muß nicht hinzugefügt werden: Das Virus funktionierte.