Im durchschnittlichen Haushalt findet sich eine größere Anzahl medientechnischer Apparate als in einem nach dem neuesten Standard ausgerüsteten Nachrichtenstudio noch vor zehn Jahren. Satellitenschüsseln sprenkeln die Ortschaften, der PC mit Modem gehört zur Standardausrüstung eines Teenagerzimmers, Kabelanschlüsse mit siebzig und mehr Programmen decken den Grundbedarf einer Vorstadtfamilie, und Camcorder, Fotokopierer und Faxgeräte sind so zugänglich und einfach in der Bedienung geworden wie Münztelefone. Es gibt schon interaktive Multimedia-Aufsätze für den heimischen Fernseher, die einen einfachen Zugang zur künftigen ,,Datenautobahn" versprechen. Ob wir wollen oder nicht, die Grundlage der Gesellschaft sind Informationen.
Wir leben in einer Zeit, in der der Wert von Daten, Bildern und Ideen den von materiellen Errungenschaften und physischem Territorium überholt hat. Vorbei sind die Tage, in denen der soziale Status einer Person an der Entfernung ablesbar war, die sie zurücklegen mußte, um den Rauch des Herdfeuers ihres Nachbarn zu sehen. Wir haben schließlich die Grenzen unserer kontinentalen Landmassen erreicht; wir haben überall im Lande im Fernsehen die Erde vom Weltall aus betrachtet. Die Illusion des immer weiter ausdehnbaren Territoriums ist für immer zerstört. Es gibt keinen Raum mehr zu entdecken und zu kolonisieren. Wirkliches Wachstum - und die damit verbundene Anhäufung von Reichtum und Macht - findet auf einem anderen Niveau statt.
Der einzige Ort, an dem sich unsere Zivilisation ausdehnen kann - unser einziges echtes Grenzland - ist der Äther, sind die Medien. Das bedeutet, daß Macht heute wenig damit zu tun hat, wieviel Eigentum eine Person besitzt oder beherrscht; sie ist statt dessen durch Minuten der Sendezeiten und Druckseiten definiert. Die ständig expandierenden Medien sind ein realer Schauplatz geworden - ein so realer und dem Anschein nach offener Ort wie der Globus vor rund fünfhundert Jahren. Dieser neue Raum wird Datensphäre genannt.
Die Datensphäre oder der ,,Medienkosmos" ist das neue Betätigungsfeld für menschliche Interaktion, wirtschaftliche Expansion und - wie wir noch sehen werden - für soziale und politische Machenschaften. Sie ist unser elektronischer Versammlungsort: Probleme, deren Behandlung früher heimlichen Unterhaltungen auf dem Heimweg von Kirchenchorproben vorbehalten war, werden heute offen in nachmittäglichen Talkshows behandelt, vor einem Saalpublikum, das sich aus Leuten ,,wie du und ich" zusammensetzt. Der gute altmodische Klatsch wurde durch die landesweite öffentliche Behandlung von besonders nachhaltig wirksamen Sexskandalen ersetzt. Der Medienkosmos hat sich ferner zu einer elektronischen Bürgerversammlung entwickelt (um einen Ausdruck von Ross Perot zu verwenden). Die traditionelle politische Diskussion und politische Entscheidungen wurden aufgesogen von ausufernden Radiosendungen mit Höreranrufen und von spätabendlichen Showsendungen im Fernsehen. Politiker, die im Umgang mit den Medien gewieft sind, kündigen ihre Kandidaturen heute bei dem Starmoderator Larry King an und erklären ihre Positionen bei Rush Limbaugh oder, noch besser, in ,,Infomercials" während der Hauptsendezeit.
Es ist modisch geworden, sich über die Tatsache zu mokieren, daß das jüngste Porträt einer politischen Persönlichkeit in ,,Saturday Night Live" dem amerikanischen Wähler ebenso viel bedeutet wie das offizielle Programm eines Kandidaten, oder daß Jugendliche, die vielleicht noch nie eine abendliche Nachrichtensendung gesehen haben, heute leidenschaftliche Anhänger der Stile und Haltungen sind, die im letzten MTV-Video dargestellt wurden. Wir machen uns Sorgen darüber, daß unsere Medienindustrie eine Generation von ,,couch potatoes" hervorgebracht hat, die zu intelligenten Entscheidungen unfähig sind und im Zweifelsfall auch zu passiv, um sie praktisch umzusetzen.
Das ist aber nicht der Kern der Sache. Es ist wahr, daß die amerikanische Medienmaschine von jenen gefördert wurde, die hofften, ihre Produkte zu vermarkten und in unserer Bevölkerung eine Konsumentenhaltung zu wecken. Wie Medienanalytiker von Marshall McLuhan bis Noam Chomsky gezeigt haben, schmeicheln Fernsehen und die gedruckten Nachrichten den wirtschaftlichen und politischen Instanzen, die sie geschaffen haben und am Leben erhalten. Man braucht keine Verschwörungstheorie, um sich die grundlegende Funktionsweise der Medienzentralen in der New Yorker Madison Avenue oder der Pennsylvania Avenue zu erklären. Doch selbst wenn die ursprünglichen Absichten der Medien darin bestanden, die amerikanische Psyche durch Abtötung unserer Sinne zu manipulieren und unsere Herzen und unseren Verstand für vorgefertigte Ideologien zu gewinnen, ist diese Strategie schließlich in die andere Richtung losgegangen.
Die Einschaltquoten können vielleicht Hinweise darauf geben, welche Kanäle wir sehen, aber sie sagen wenig über unsere Beziehung zu dem Medium als Ganzes. Die Tatsache, daß eine Familie ,,eingeschaltet" hat, heißt noch nicht, daß sie auch ,,draufgekommen" und ,,ausgestiegen" ist. Nein, das Mediennetz hat das amerikanische Individuum noch nicht eingefangen und paralysiert. Der Konsument erhielt vielmehr Mittel und Möglichkeiten, die kulturellen Entwicklungen nachzuvollziehen und zu kontrollieren. Er wurde bereichert und erwarb neue Fähigkeiten.
Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Erkenntnis, daß niemand mehr die Mainstream-Medien ernstnimmt. Wir wurden alle auf der Grundlage der Medienmanipulation aufgezogen und bemerken heute, aus welchen Elementen sich diese Kost zusammensetzt. Kinder, die eine Sprache hören und sprechen, verstehen sie immer besser als Erwachsene, die sich bemühen, ihre Regeln zu lernen. Darum begreifen nach der Überzeugung vieler Pädagogen unsere Kinder die Computer und ihre Programmiersprachen besser als jene, die sie entwickelt haben. Ebenso verstehen Menschen, die von Beginn an mit Medien aufgewachsen sind, ihre Symbolwelt besser als ihre Schöpfer und durchschauen die sorgfältig verschleierten Versuche der Bewußtseinskontrolle. Und heute nehmen sich Amerikaner die Freiheit, ihren Fernsehgeräten zu antworten, mündlich, mittels ihrer Fernbedienungen, ihrer Joysticks, ihrer Telefone und sogar ihrer Dollars. Das Fernsehen ist zu einer interaktiven Erfahrung geworden.
Durch die vorhandene Do-it-yourself-Technik wird die direkte Rückkopplung noch folgenreicher. Heute können selbstbespielte Camcorder-Kassetten ebenso leicht den Weg zu CNN finden wie professionell hergestellte Beiträge. Bänder von ,,Amerikas lustigsten Familienvideos" bis zum weltberühmten Zusammenschlagen von Rodney King sind in der Datensphäre verbreiteter als Wiederholungen von ,,I love Lucy". Alternative Medienkanäle wie die Computernetze oder Telefon- und Fax-,,Bäume" (Verteilerlisten) erlauben die Verbreitung von Informationen, die von den offiziellen Kanälen nicht akzeptiert oder zensiert werden. Sie wurden in so ,,unamerikanischen" Ländern wie Rumänien oder dem kommunistischen China als neue Werkzeuge der Revolution angekündigt. Piratenmedien wie illegale Radiosendungen und Kabel- oder Satelliteneinspeisungen beweisen noch schlagender die Macht von einzelnen, nach Belieben in den Datennetzen herumhacken zu können.
Der erste Schritt zur Einschätzung der Medien, neue Möglichkeiten zu eröffnen und nicht zu hypnotisieren, besteht darin, daß wir lernen, die Informationen zu dekodieren, die durch die offiziellen kommerziellen Kanäle in unsere Haushalte kommen. Wir, die Fernsehzuschauer, sind schon als Medientheoretiker trainiert. Wir müssen diese Erziehung annehmen, wenn wir jemals hoffen wollen, die Kontrolle über die Sprache zu gewinnen, die zu unserer Beeinflussung benutzt wird. Die ersten Kapitel dieses Buchs werden einige unserer populärsten kulturellen Ikonen im Kontext des Medienkosmos untersuchen, um herauszufinden, was sie zu bewirken hoffen.
Dabei lernen wir eine neue Generation von Medienaktivisten kennen, deren Methoden Kenntnisse der Psychologie, der Beeinflussungstechniken, der Soziologie und des Marketings kombinieren. Diese Kinder der fünfziger bis siebziger Jahre waren willige Teilnehmer eines großen sozialen Experiments, in dem die Welt auf dem Fernsehschirm als Abbild der Realität präsentiert wurde - oder zumindest einer Realität, die sie anstreben sollten. Die Kinder und Jugendlichen, die den größten Teil ihrer Energie darauf verwandten, den Mediendarstellungen gleichzukommen, stellten schließlich fest, daß die einfachste Methode zur Veränderung der Welt die Veränderung des Fernsehbildes ist. Heute, da diese Kinder erwachsen sind, entdecken wir, daß unsere einfallsreichsten und einflußreichsten Programme von Leuten entwickelt, geschrieben und produziert werden, die selbst Produkte des Medienzeitalters sind. Sie verfügen über die kompliziertesten Techniken der Gedankenkontrolle, Mustererkennung und des neurolinguistischen Programmierens und benutzen sie, um ein Fernsehen zu erzeugen, das die Art und Weise verändert, wie wir die Welt sehen - und damit die Wirklichkeit selbst.
Diese Subversion der offiziellen Medien wird dank einer sorgfältigen und cleveren Verpackung erreicht. Das Agieren im kommerziellen Fernsehen bedeutet, daß subversive Ansätze unter leichtverdaulichem Zuckerguß versteckt werden müssen. Die meisten Menschen kommen nicht auf die Idee, daß Kindersendungen wie ,,Pee-Wee's Playhouse" oder ,,The Ren & Stimpy Show" Kommentare zur Lebensweise von Schwulen abgeben oder daß ,,The Simpsons" und ,,Liquid Television" eine psychedelische Weltsicht ausdrücken. Das Kinderfernsehen und MTV sind tatsächlich die Plätze, an denen gegenkulturelle Aktionen am leichtesten gestartet werden können. Je harmloser oder anspruchsloser das Forum ist, desto weniger Verdacht schöpft das Publikum.
Die Botschaften kommen in unseren Medien in Gestalt Trojanischer Pferde zu uns. Sie dringen in einer bestimmten Form in unsere private Umgebung ein, aber verhalten sich ganz anders als erwartet, wenn sie einmal drinnen sind. Es handelt sich dabei nicht so sehr um eine Verschwörung gegen die Zuschauer als um eine Methode, die offiziellen Medien dazu zu bringen, gegenkulturelle Ansätze zu fördern, durch die die ihnen ausgesetzen Individuen mehr Machtmittel in die Hand bekommen. Die Betreiber von Fernsehanstalten oder Macher von populären Zeitschriften zum Beispiel sind verständlicherweise nicht gewillt, Geschichten oder Bilder zu verbreiten, die unmittelbar die Funktionsweise der Gesellschaft kritisieren, an deren Erhaltung ihre Geldgeber interessiert sind. Geschickte junge Medienstrategen mit neuen, ,,bedrohlichen" Ideen müssen neue, nicht bedrohliche Formen entwickeln, in denen diese gefährlichen Konzepte sicher aufgehoben sind, bis sie dem Publikum als Bestandteil unserer täglichen Medienkost erfolgreich geliefert werden.
Das erfordert eine tiefe Einsicht in die Funktionsweise der Medien. Die heutigen Aktivisten verstehen die Medien als Erweiterung eines lebendigen Organismus. Ebenso wie die Ökologen das Leben auf diesem Planeten als Teil eines einzigen biologischen Organismus begreifen, so sehen die Medienaktivisten die Datensphäre als Kreislaufsystem für die Informationen, Ideen und Bilder des Tages. Dieser Cyberspace wurde in den letzten zwei, drei Jahrzehnten geschaffen, als die Haushalte und Betriebe Amerikas über Einrichtungen wie Kabelfernsehen, Telefonsysteme und PC-Modems miteinander verdrahtet wurden. Als Individuen sind wir jeweils der Datensphäre ausgesetzt, wenn wir mit Kommunikationstechniken in Berührung kommen wie Fernsehen, Computernetzen, Zeitschriften, Videospielen, Faxgeräten, Radiosendungen, CDs oder Videokassetten.
Leute, die traditionellerweise keine politische Macht besitzen, aber die kulturelle Entwicklung zu beeinflussen versuchen, tun das über die Einfütterung von neuen Ideen in diese ständig sich ausweitende Medienwelt. Diese Informations,,bomben" verbreiten sich in Sekunden im gesamten Informationsnetz. Zum Beispiel wird ein schwarzer Mann in Los Angeles von weißen Polizisten geschlagen. Das Ereignis wird mit einem privaten Camcorder aufgenommen, und innerhalb von Stunden wird die Prügelszene auf Millionen Fernsehschirmen gezeigt. Innerhalb von Tagen ist sie das Thema einer nachmittäglichen Talkshow; innerhalb von Wochen ist sie ein Gerichtsfall in der fiktionalen Serie ,,L. A. Law"; innerhalb von Monaten ist sie ein Fernsehspiel; bevor das Jahr zu Ende geht, ist sie die Grundlage eines neuen Videospiels, eines Comics und eines Satzes Tauschkarten. Schließlich entwickelt sich der dreißig Sekunden lange Videoausschnitt zu einem Schlachtruf zum Aufstand einer ganzen Stadt. Dieser Aufstand wird wiederum durch Talkshows, Radiosendungen mit Höreranrufen und neuen Folgen von ,,L. A. Law" verstärkt. Ein provokatives Bild oder eine Idee - wie der geprügelte Rodney King oder gar Pee-Wee Herman, der in einem Pornotheater masturbiert - verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Das Ereignis zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich und erzeugt ein Medienecho für einige Sekunden, Minuten oder gar Monate, aber sein Einfluß auf uns ist damit nicht vorbei.
Jede Mediensensation besteht aus Ideen, Themen und Vorgängen - oft absichtlich plaziert -, die uns weniger direkt beeinflussen. Ein privates Video, das zum Beispiel Polizisten zeigt, die eine schwarzen Mann prügeln, ruft beim Zuschauer eine Reihe von Reaktionen hervor. Fragen des Rassismus, der Polizeibrutalität, der Verfassung, der Politik in Los Angeles, des Drogenmißbrauchs, sogar der Macht der Unterhaltungselektronik - um nur einige zu nennen - werden von einem einzigen Bild in seinem Medienkontext angestoßen. In ähnlicher Weise zieht eine Medienikone wie Pee-Wee Herman die Aufmerksamkeit auf sich, weil er bizarr und lustig ist, aber im Bild verstecken sich Fragen über Homosexualität, amoklaufende Konsumhaltungen, die angebliche Unschuld der Kindheit und die Farce des ,,Erwachsenseins" - und wir werden zu Antworten gezwungen.
Wenn wir die Datenspäre als Erweiterung eines planetarischen Ökosystems verstehen oder als Nährboden für neue Ideen in unserer Kultur, dann müssen wir uns der Tatsache stellen, daß die Medienereignisse, die eine reale gesellschaftliche Veränderung hervorrufen, mehr sind als einfache Trojanische Pferde. Sie sind Medienviren.
Dieser Ausdruck wird hier nicht als Metapher verwendet. Diese Medienereignisse sind nicht wie Viren. Viele von uns sind mit biologischen Viren vertraut, wie denen, die einen Schnupfen, eine normale Erkältung oder vielleicht gar AIDS verursachen. Wie sie gegenwärtig von Medizinern verstanden werden, sind Viren nicht wie Bakterien oder Bazillen, weil sie keine lebenden Dinge sind; sie sind einfach Proteinhüllen, die genetisches Material enthalten. Das angreifende Virus verwendet seine schützende und haftende Proteinhülle dazu, sich in eine gesunde Zelle einzuklinken und dann seinen eigenen genetischen Code, also im wesentlichen Gene, in sie einzuführen. Der Viruscode mischt sich mit den Genen der Zelle, konkurriert mit ihnen und ändert im Erfolgsfalle permanent die Art und Weise, in der die Zelle funktioniert und sich reproduziert. Ein besonderer Charakterzug von Viren ist es, daß sie die Gastzelle zu einer Fabrik machen, die das Virus vervielfältigt.
Es handelt sich um einen echten Machtkampf in der Zelle, der ausgefochten wird zwischen dem eigenen genetischen Programm der Zelle (DNA) und dem Code des eindringenden Virus. Wo der vorhandene Code schwach wird oder durcheinandergerät, hat das Virus eine bessere Chance zur Machtübernahme. Wenn ferner der Gastorganismus ein schwaches Immunsystem hat, steigt seine Empfänglichkeit für eine Virusinvasion stark an. Er kann nicht erkennen, daß er angegriffen wird und kann seine Abwehrkräfte nicht mobilisieren. Die Eiweißhülle eines Virus ist das Trojanische Pferd. Die genetischen Codes sind die in ihm versteckten Soldaten, die unsere eigenen Gene angreifen, um die Funktionsweise unserer Zellen zu verändern. Die einzige ,,Absicht" des Virus, falls man ihm eine unterstellen kann, ist die Verbreitung des eigenen Codes so weit wie nur irgend möglich - von Zelle zu Zelle und von Organismus zu Organismus.
Medienviren breiten sich in der Datensphäre auf die gleiche Weise aus, wie sich biologische Viren im Körper oder in einem gesellschaftlichen Organismus ausbreiten. Aber anstatt durch ein organisches Kreislaufsystem zu reisen, reist ein Medienvirus durch die Netzwerke des Medienkosmos. Die ,,Eiweißhülle" eines Medienvirus kann ein Ereignis, eine Erfindung, eine Technologie, ein Denksystem, ein musikalischer Akkord, ein sichtbares Bild, eine wissenschaftliche Theorie, ein Sexskandal, ein Kleidungsstil oder sogar ein Popstar sein - solange unsere Aufmerksamkeit davon eingefangen wird. Jedes dieser medialen Viren sucht nach den aufnahmefähigen Ritzen und Spalten in unserer Populärkultur und bleibt überall kleben, wo es bemerkt wird. Wenn es sich einmal angedockt hat, injiziert das Virus seine geheimen Wirkstoffe in Form von ideologischem Code in den Datenstrom - keine Gene, aber ein begriffliches Äquivalent für sie, die wir (nach Dawkins im Whole Earth Review) ,,Meme" nennen wollen. Wie wirkliches genetisches Material infiltrieren diese Meme die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen, die Erziehung gestalten, miteinander umgehen - sogar die Form unserer Wirklichkeitswahrnehmung.
Medienviren breiten sich rasch aus, wenn sie unser Interesse wekken, und ihr Erfolg hängt von den besonderen Stärken und Schwächen des Gastorganismus ab, der Populärkultur. Je provokativer ein Bild oder eine Ikone ist - wie die auf Videoband aufgenommene Polizeiprügelei oder ein neuer Rap-Song -, desto weiter und schneller geht die Reise durch die Medienwelt. Wir erkennen das Bild nicht und können daher nicht automatisch reagieren. Unser Interesse und unsere Faszination sind ein Beleg dafür, daß wir nicht kulturell ,,immun" gegen das neue Virus sind. Der Erfolg der Meme in einem Virus hängt andererseits von unserer rechtlichen, moralischen und sozialen Elastizität ab. Wenn unsere Haltungen zum Rassismus, zur Polizeigewalt, zum Drogenmißbrauch und zur freien Meinungsäußerung zwiespältig sind - was bedeutet, daß unser gesellschaftlich verankerter ,,Code" fehlerhaft ist -, dann haben die eindringenden Meme des Medienvirus keine großen Probleme damit, unsere eigene verworrene Befehlsstruktur zu infiltrieren.
Es scheint drei Arten von Medienviren zu geben. Die offenkundigste Form, wie Publikumsverulkungen oder oppositionelle Streiche, wird mit Bedacht geplant und lanciert und bildet eine Art und Weise der Verbreitung eines Produkts oder einer Ideologie. Es gibt ferner Viren, die wir kooptierte oder ,,Domino"-Viren nennen können - das Debakel um Woody Allen und Mia Farrow oder die Diskussionen über AIDS. Sie werden nicht notwendigerweise von jemandem absichtlich in die Welt gesetzt, sondern schnell von Gruppen aufgegriffen und weiterverbreitet, die ihre eigenen Absichten damit verfolgen. (Es gab Republikaner, die die Woody-Affäre zu einer kritischen Attacke auf die familiären Wertvorstellungen in New York benutzten; ultrarechte Konservative benutzten die AIDS-Epidemie zur Gleichsetzung der Homosexualität mit dem Bösen). Schließlich gibt es völlig selbsterzeugte Viren - wie die Rodney-King-Prügelei, die Affäre um Nancy Kerrigan oder sogar neue Technologien wie die virtuelle Realität und wissenschaftliche Entdekkungen -, die das Interesse anfachen und sich von selbst ausbreiten, weil sie auf eine gesellschaftliche Schwäche oder ein ideologisches Vakuum stoßen.
Die kritischen Medienaktivisten von heute kennen die Eigenschaften von Medienviren. Die Erzeuger von absichtlich hergestellten Viren gehen von einer Analyse des Status Quo, den sie kritisieren wollen, aus und überlegen sich dann, welche Art der Verpackung die Verbreitung ihrer Kritik erlaubt. Die meisten, aber sicher nicht alle absichtlich erzeugten internationalen Medienviren sind von Anfang an mit Bedacht geplant worden. Das Virus der ,,smart drugs" (deutsch etwa: ,,gescheite" Drogen; bei uns hat sich ,,sanfte Drogen" durchgesetzt, d. Ü.) ist ein hervorragendes Beispiel für solche Designer-Meme. In den späten achtziger Jahren verspürte eine kleine Gruppe von AIDS-Aktivisten, Kritikern der pharmazeutischen Industrie und Anwälten von psychedelischen Drogen die Notwendigkeit, unser gültiges Drogen-Paradigma in Frage zu stellen. Die AIDS-Aktivisten waren empört über Gesetze, die den Einsatz von nicht empfohlenen oder im Experimentierstadium befindlichen Medikamenten aus dem Ausland einschränkten. Die Kritiker der pharmazeutischen Industrie waren frustriert darüber, daß die Profitmotive der Medizinfirmen zu einer Beschränkung statt zu einer Ausweitung der Anzahl der zugänglichen hilfreichen Medikamente und Nährmittel führen. Die Anwälte psychedelischer Drogen fühlten sich durch die ,,just say no"-Kampagne gestört, die der Möglichkeit, daß das Experimentieren mit bewußtseinsverändernden Substanzen einen Wert haben könnte, eine Absage erteilt.
Das Virus begann mit der sorgfältig ersonnenen Floskel ,,smart drugs". Wie viele Medienviren, die wir noch untersuchen werden - virtuelle Realität, Techno-Schamanentum, ökologischer Terrorismus - sind ,,sanfte Drogen" durch einen inneren Widerspruch gekennzeichnet. Durch die Verknüpfung zweier Wörter oder Ideen, die normalerweise nicht zusammenpassen, zwingt der Ausdruck zum Nachdenken: ,,Drogen sind sanft?" Mittels einer hypnotischen Technik, die von Milton Erickson entwickelt wurde, schafft sich der widersprüchliche Ausdruck seine eigene begriffliche Öffnung im Bewußtsein der Menschen. Je länger die Aufmerksamkeit währt, die dieser Ausdruck uns abverlangt, desto mehr Gelegenheit hat das Virus, seine Botschaften einzupflanzen. Wenn es uns zum Nachdenken bringt, dann können wir ihm gegenüber nicht immun sein. Wir bleiben wie angewurzelt stehen, wie ein Rentier im Scheinwerferlicht.
Der Ausdruck ,,smart drugs" bezeichnet eine Gruppe von Nährmitteln und verschreibungspflichtigen Drogen, die seit langem zur Verbesserung der Gedächtnisfunktionen bei senilen Menschen eingesetzt werden. Einige Ärzte und Ernährungswissenschaftler begannen mit diesen Sustanzen bei normal funktionierenden Menschen zu experimentieren, um zu sehen, ob sie die mentalen Funktionen verbessern, und erzielten mit ihren Versuchen einige positive Ergebnisse. Diese Ärzte stießen auf viele Hindernisse, als sie ihre Erkenntnisse publizieren und Forschungsgelder für weitere Studien bekommen wollten. Unsere Kämpfer gegen AIDS, gegen die pharmazeutische Industrie und für psychedelische Drogen machten diese Sache zu der ihren und brachten die ,,smart drugs" als Teil einer umfassenden Medienstrategie ein.
Die nächste Aufgabe bestand in der Entwicklung einer ,,Injektionsspritze" für das Virus. Die Art und Weise, wie ein Virus verabreicht wird, ist ebenso wichtig wie die Konstruktion des Virus selbst. Oft ist die Weise, in der sich ein Virus ausbreitet, ein ebenso wirksamer Anstoß für die Kommunikation wie die Meme im Virus selbst. Die Verfechter der ,,smart drugs" beschlossen, die ,,Smart Bar" aufzumachen, eine Apotheke für den Verkauf von bewußtseinserweiternden Substanzen, und zwar auf der Tanzfläche eines populären Nachtclubs.
Einige Minuten nach Eröffnung der Bar verbreiteten Computer-Informationsdienste die Neuigkeit. Innerhalb weniger Wochen behandelten Rolling Stone, ,,Larry King Live", ,,Nightline" und eine Menge anderer Medienveranstaltungen das Ereignis. Andere Nachtclubs begannen, die ,,smart drugs" zu verkaufen, Naturkostläden deckten sich mit bewußtseinserweiternden Nährmitteln ein, und viele Menschen und Institutionen fühlten sich alarmiert - nicht nur, weil die Nation von ,,sanften Drogen" überschwemmt wurde, sondern weil kontroverse Meme innerhalb des Virus durch die Medien geisterten.
Ob diese Drogen nun eine Person gescheiter machen oder nicht, ihre Infusion in die Datensphäre als Idee hat unsere nationale Drogengesetzgebung, die pharmazeutische Industrie, die Haltung zum Drogenkonsum und die Grundeinstellung der Medizin in Frage gestellt. Die sanften Drogen selbst sind das Trojanische Pferd - die haftende Hülle des Virus erhält die ganze Aufmerksamkeit. Als sich das Virus ausbreitete, wurde einer seiner Schöpfer, John Morgenthaler, in die Talkshow ,,Larry King Live" eingeladen. Von der sicheren Position der Studiobühne aus benutzte er das Forum, um zu erklären, wie Informationen über viele ,,sanfte" Wirkstoffe jahrelang von der amerikanischen pharmazeutischen Industrie ignoriert oder sogar unterdrückt wurden. Der junge, bescheiden auftretende und gutgekleidete Mann erklärte (einem Publikum, dessen Appetit schon durch den Ausdruck ,,smart drugs" und Videobilder der ,,smart bars" geweckt worden war), daß die gültigen Regelungen der Drogengesetzgebung Millionen von Dollars für Tests erfordern, bevor diese Wirkstoffe für Bewußtseinsprozesse verschrieben werden können. Weil die Patente für viele dieser Chemikalien ausliefen, bevor die Pharmafirmen ihren Wert erkannten, ist heute keine Firma gewillt, Forschungsgelder für eine Chemikalie auszugeben, die ihr nicht gehören kann.
Dieses besondere Mem - wir können es das ,,Patentrechtsmem" innerhalb des ,,Smart-Drug"-Virus nennen - untergräbt das bestehende Paradigma des Medizingeschäfts. Wenn Propagandisten von ,,smart drugs" auf Sendung gehen, um die Probleme von patent-motivierten medizinischen Entscheidungen zu diskutieren, überzeugen sie die Zuschauer, daß die pharmazeutische Industrie eine Gefahr für die Bevölkerung bildet, der sie zu dienen behauptet. Neben den ,,smart drugs", sagt ein AIDS-Aktivist und Freund von Morgenthaler, der einige Wochen später in ,,Nightline" auftritt, wurden einige möglicherweise wirksame AIDS-Medikamente unterdrückt, weil auch sie nicht patentiert werden können. Ob sich nun ,,smart drugs" als solche erweisen oder nicht, die Meme in diesem Medienvirus haben den existierenden begrifflichen Rahmen infiltriert, der sich um die Drogenlegalisierung legt.
Die Inkonsistenz unserer Haltung zu AIDS-Medikamenten wurde durch den ,,Smart-Drugs"-Virus offengelegt - zuerst in Computer-Informationsdiensten, dann im Kabelfernsehen und schließlich in den Hauptnachrichtensendungen. Die Hinwendung zur Idee und zum Klang der ,,smart drugs" und der ,,smart bars" öffnete dem Virus die für seine Verbreitung notwendigen Medienkanäle. Die Immunreaktion unserer Kultur auf dieses Virus war aufgrund unserer ambivalenten Haltung zum Drogenkonsum schwach. Die Meme selbst konnten aufgrund unserer zwiespältigen Gesetze und Haltungen ihre Infiltrationsarbeit machen - wegen des fehlerhaften gesellschaftlichen Codes.
Wie wir noch sehen werden, sind allerdings nicht alle Medienviren absichtlich konstruiert. Der Skandal um Woody Allen und Mia Farrow war - zumindest höchst wahrscheinlich - nicht als Publicityshow in die Welt gesetzt worden. Die in New York besonders stark wirkende Geschichte ereignete sich jedenfalls während der Wahlversammlung der Demokraten für Bill Clinton. Die Republikaner, die New York ohnehin schon als Nährboden für moralisch dekadente und kulturell elitäre Haltungen denunziert hatten, machten das Medienvirus Allen/Farrow schnell zu einem Hauptereignis. In Einleitungen zu Reden der Bush-Kampagne wurde Woody Allen erwähnt, in der Hoffnung, die Meme, die schon verbreitet waren - Kindermißbrauch; Filmstars, die etwas anderes sind als sie scheinen; das New Yorker Kuddelmuddel -, uminterpretieren zu können als verdammenswerte Belege für demokratische Wertvorstellungen in Bezug auf die Familie.
Schließlich gibt es auch Viren, die von gegenkulturellen Aktivisten als ,,selbstgenerierte" bezeichnet werden. Das sind Begriffe oder Ereignisse, die recht spontan in den Medien auftauchen, aber weit verbreitet sind, weil sie eine große Resonanz finden oder bei denen, die sie erreichen, eine dramatische Akzeptanz erringen. Wenn die Zivilisation als Ganzes als geschlossener Organismus gesehen wird, können diese selbstgenerierten Viren als Selbstkorrekturmaßnahmen gesehen werden. Es gibt für den Organismus Methoden, seinen eigenen Code zu korrigieren oder weiterzuentwickeln. Das ist in evolutionären Zusammenhängen als ,,Mutation" bekannt.
Ein solches selbstgeneriertes Virus, die Theorien der Chaos-Mathematik, kommt zu uns aus der Tiefe der Computerabteilungen der großen Universitäten, aber seine Implikationen haben die Begeisterung für alte bäuerliche und antiautoritäre Wertvorstellungen wieder angefacht. Diese neue, weltweit diskutierte Form der Mathematik arbeitet ohne die geraden Linien und linearen Gleichungen, die wir in den letzten zwölf Jahrhunderten zur Interpretation der Wirklichkeit benutzt haben. Sie zeichnet statt dessen ein Bild unseres Universums als sehr zufälliges und diskontinuierliches Feld von Naturerscheinungen. Die Chaos-Mathematik wird heute verwendet, um so komplexe Systeme wie den Aktienmarkt oder das Wetter mit erstaunlich genauen Ergebnissen zu analysieren.
Die heute viel zu oft benutzte Redewendung ,,der Flügelschlag eines Schmetterlings in China kann einen Orkan in New York hervorrufen", bedeutet, daß ein winziges Ereignis in einer entfernten Gegend gewaltige Folgewirkungen in einer anderen erzeugen kann. Es kann nicht sonderlich erstaunen, daß diejenigen, die den Niedergang hierarchischer Systeme zu belegen und das Konzept der Befehlsgewalt von oben nach unten zu unterhöhlen versuchen, die Gedanken der Chaos-Mathematik freudig begrüßen, die diesen ordentlichen Auffassungen natürlichen Verhaltens klar widersprechen. Die oppositionellen Aktivisten mögen Beweise, die ihre Unterwanderungsstrategie unterstützen.
Es sind hauptsächlich die oppositionellen Medienarbeiter, die einer Weltsicht anhängen, in der ein winziges Virus, das kreativ hervorgebracht und weitgestreut verbreitet wurde, so etablierte und organisierte Denksysteme wie Religionen und so tiefverwurzelte Institutionen wie zum Beispiel die Republikanische Partei oder sogar das Zwei-Parteien-System zum Wanken bringen könnte. Darum ist es so wichtig, daß wir verstehen, daß zumindest für diese Medienarbeiter Viren keine ,,schlechte Sache" sind. Echte biologische Viren können, wenn sie erfolgreich sind, den Wirts-Organismus zerstören. Wenn sie eindringen und die Kontrolle über ausreichend viele Zellen erlangen, lenken sie wichtige Funktionen um, die der Gastgeber zum Überleben benötigt. Medienviren sind auf einen Wirts-Organismus angesetzt, aber dabei handelt es sich nicht um die Kultur in ihrer Gesamtheit; sie zielen auf die Systeme und die fehlerhaften Codes, die die Kontrolle über die Kultur übernommen haben und den natürlichen, chaotischen Fluß von Energie und Informationen behindern.
Ein Medienvirus kann dazu bestimmt sein, eine politische Partei zu bekämpfen, eine Religion, eine Institution, eine Wirtschaftsform, ein Geschäft oder sogar ein Denksystem. So wie Naturwissenschaftler Viren verwenden, um bestimmte Krankheiten im menschlichen Körper zu bekämpfen oder um gefährliche Zellen zu markieren, die von den Antikörpern der Person selbst vernichtet werden sollen, benutzen Medienaktivisten Viren, um das zu bekämpfen, was in ihren Augen unserer Kultur feindlich ist. Medienviren, ob sie nun absichtlich erzeugt, kooptiert oder spontan entstanden sind, bewirken eine gesellschaftliche Mutation und in gewisser Weise eine Evolution. Der Zweck dieses Buchs ist es nicht, die von den Medienaktivisten aufgeworfenen Fragen zu bewerten, sondern die Methoden zu untersuchen, die sie verwenden, um einen in ihren Augen positiven, evolutionären Wandel zu bewirken.
Das ist schon interessant genug - um jedoch die Wirksamkeit von Medienviren in unserer aktuellen Datensphäre richtig zu erfassen, müssen wir auch die grundlegenden Prinzipien der Datensphäre in der Sichtweise dieser Aktivisten akzeptieren oder zumindest zur Kenntnis nehmen. Um Medienviren zu verstehen, müssen wir uns durch sie infizieren lassen.