Die Heiligen des Monats Oktober

Hl. Antonius

Liebe User,

wagen Sie einen kurzen (oder vielleicht auch längeren) Besuch in einen Bereich unserer Kultur, der sich in offensichtlicher Auflösung befindet. Die Heiligenverehrung gehörte einst für katholische und orthodoxe Christen zu den bestimmenden Elementen des Volksglaubens. Um die Jahrhundertwende gab es in Deutschland an die 1200 Wallfahrtsorte, heute sind einige wenige, meist Marienstätten übriggeblieben.

Heiligenverehrung war jahrhundertelang die Grundlage für eine gewaltige Fülle gemeinschaftsstiftender Rituale: Heiligenfeste gewährten arbeitsfreie Feiertage, heilige Stätten waren das Ziel wallfahrender Volksmassen, Regionen gewannen in einem viel- fältigen Brauchtum ihren Zusammenhalt.

Es ist ein allgemeines, aber durchaus falsches Vorurteil, daß Heiligenverehrung etwas speziell Katholisches sei. Die orthodoxe Kirche im Osten etwa stand der römischen allenfalls hinsichtlich der institutionellen Ausgestaltung nach. Es gibt kaum einen artifizielleren juristischen Vorgang als den Kanonisierungsprozeß eines Heiligen. Was aber die volkskulturelle, die emotionale, die theologische, die künstlerische und die literarische Seite des Heiligenkultes anbelangt, weist die griechische und die russische Kirche ebenbürtige Gestaltungen auf.

Auch die evangelische Tradition steht der Heiligenverehrung nicht so feindselig gegenüber, wie die hitzigen Kämpfe gegen Reliquienkult und Bilderverehrung im ersten Jahrhundert der Reformation vorzugeben scheinen. Heilige Frauen und Männer gelten offizieller lutherischer, anglikanischer und gemäßigt reformierter Auffassung nach als Glaubenszeugen, als vorbildliche Menschen, die den Weg der Nachfolge Christi authentisch beschritten haben.

Auch der Protestantismus setzte sich nach einigen frühen Extremismen theologisch nur behutsam von der Heiligenverehrung der alten Kirchen ab. Er kennt die Rolle von Heiligen als Fürbitter vor Gottes Thron und betont, daß der Christ in ihnen ein Vorbild für sein eigenes Leben sehen sollte.

Die fromme Literatur aller großen Konfessionen lieferte einen ganzen Kosmos an pädagogischen und unterhaltenden Erzählstoff, an Geschichten, Legenden, Sagen und Anekdoten. Die bildende Kunst versorgte die Phantasie mit Gemälden und Statuen, Altarplastik und Totenschreinen; die Musik lieferte Messen und Lieder; der Devotionalienhandel und das Geschäft mit den Hinterlassenschaften der Heiligen, den Reliquien, wurde zeitweise zu einem der mächtigsten Wirtschaftszweige. Frühe religiöse Entwicklungsstufen lebten in der Heiligenverehrung fort, etwa Magie und Totenkult im Reliquienwesen, Totemismus in den Standes-, Berufs- und Namenspatronaten, das Tabu in den Asyl- und Friedensgeboten heiliger Stätten.

Die Heiligenverehrung verbindet die christliche Volksfrömmigkeit mit der Volksfrömmigkeit der anderen großen Weltreligionen. Das chassidische Judentum kennt unzählige Wunderrabbis. Im Islam werden nicht nur vom niederen Volk Derwische und andere Persönlichkeiten verehrt, denen Fähigkeiten wie die willentliche Versetzung an andere weit entfernte Orte, die Herrschaft üer Geister und Tiere, die Erweckung von Toten zugeschrieben werden.

Der Hinduismus sieht in den Avataren Inkarnationen des Göttlichen und verehrt sie wie die Asketen und Seher der Frühzeit als Heilige. Dabei werden auch große religiöse Gestalten aus anderen Religionen eingemeindet. Christus etwa wird oft als Avatar des Gottes Vishnu bezeichnet. Der Volkstaoismus kennt neben Lokalgöttern und Naturgeistern auch Heilige, die man als "wahrhaftige Menschen" (tschen-jen) bezeichnet.

Religionsgeschichtlich am bedeutsamsten für die Ausbildung des christlichen Heiligenkultus wurden neben der jüdischen Märtyrer- und Prophetentradition das spätantike Heidentum. Das Gedenken an die Opfer der staatlichen Verfolgungen vermischte sich mit der polytheistischen Volksreligiosität. Das Tragen von Amuletten gegen den bösen Blick, Dämonenabwehr, Totenbeschwörungen, Hausgötterverehrung, Wunderheilungen an religiösen Kurorten wie den Asklepiosheiligtümern von Epidauros und der Insel Kos, Wetter- und Feldzauber und geheime Mysterien, all dies wird im Ausgang der Antike in die zur Macht gelangte neue Staatsreligion eingemeindet.

Die folgenden meist kurzen Kalendergeschichten handeln von Heiligen, die als Patrone unseres Gewerbes - von den Dichtern bis zu den Buchbindern, von den Übersetzern bis zu den Bibliothekaren und Buchhändlern reichen. Die Texte sind nicht als historische Information mißzuverstehen. Sie basieren auf den Produktionen einer Überlieferung, der es nicht um historische Faktizität, sondern um wirkungsvolle Erzählung ging. Vor allem sollte dadurch belegt werden, daß es, wie das Konzil von Trient formulierte, "nützlich und heilsam ist, die Heiligen demütig anzurufen und zur Erlangung von Wohltaten von Gott zu ihrer Fürbitte, Hilfe und Beistand Zuflucht zu nehmen". Daher enthalten die Geschichten oft Begebenheiten, die deutlich machen, warum gerade diese oder dieser Heilige Beistand leisten kann. Neben dem Namenspatronat und der Hilfe gegen Unglück und Krankheit war es vor allem die Funktion des Schutzpatrons von Orten und von Berufsständen, die Heilige zu den Lieblingen der Volksfrömmigkeit machte.

Namensheilige für alle Tage des Jahres finden Interessierte im Immerwährenden Heiligenkalender von Albert Christian Sellner, Eichborn Verlag, Frankfurt 1993, 482 Seiten, 48 DM, Bd. 103 der "Anderen Bibliothek", herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Dieses Buch ist ein Nachschlagewerk, ein Brevier zur Meditation und Erbauung, ein Buch zum Vorlesen und zur Unterhaltung. Ein Register verzeichnet die Patronate und Kennzeichen der Heiligen, die ihre Anrufung in weltlichen und geistlichen Nöten sowie ihre Identifizierung in der Kunst ermöglichen. Auch wer ein Kind zu benennen hat, wird das Werk mit Gewinn zu Rate ziehen. Es kann in jeder Buchhandlung gekauft werden, aber auch mit elektronischer Bestellung im BAZAAR.

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