McLuhan Millennium

Nelson Thall

Das McLuhan-Millennium

Da die westliche Welt im Begriff steht, sich von ihrer 2500 Jahre währenden Huldigung des ,,visuellen Raums" zu trennen, entdeckt sie jetzt die Merkmale anderer ,,Räume", die durch die anderen Sinne erzeugt werden. Seiner Struktur nach eignet sich der ,,auditive Raum" eher dazu, die charakteristische Ausdrucksform einer elektronischen Kultur zu sein. Der schnelle Transport von Informationen schafft eine Konfiguration von Zeit und Raum, die keinen stabilen Gesichtspunkt mehr ermöglicht und die Wahrnehmung einer einzelnen Schicht verhindert. Elektronische Konfigurationen sind, strukturell gesehen, bemerkenswert akustisch. ,,Alles-auf-einmal" zu haben, bedeutet das Ende für Einheitlichkeit und Kontinuität. Es ergibt sich daraus auch, daß die Umwelt als ,,Kunstform" betrachtet wird.

,,Bei uns gibt es keine Kunst," sagen die Einwohner Balis. ,,Wir machen einfach alles so gut wie möglich."

Die unmittelbare Verfügbarkeit von Informationen an sich schafft eine neue Totalität -- was die Satelliten bezeugen, die eine Informationsumwelt für den Planeten schaffen.

Die westliche Welt entdeckte den visuellen oder ,,bildhaften" Raum, als das phonetische Alphabet erfunden wurde. Das phonetische Alphabet zeichnet sich vor allen anderen Formen des Schreibens dadurch aus, daß es Schall in den visuellen Raum übersetzt. Das sich daraus ergebende Gewicht und die Vormachtstellung des visuellen Sinns im Vergleich zu allen anderen Sinnen schuf für die Menschheit im Westen zunehmend eine Umgebung, die auf der visuellen Voraussetzung der Einheitlichkeit, Kontinuität und Verbundenheit errichtet wurde. Räumliche Voraussetzungen dieser Art existierten kaum in Kulturen, die auf akustischen Schemata aufbauen. Beispielsweise ist das, was uns als Irrationalität des Proletariats erscheint, tatsächlich das Ergebnis strukturierender Formen völlig folgerichtiger auditiver Voraussetzungen, denen die visuelle Kontinuität und Verbundenheit entwendet wurde.

Nur der Gesichtssinn besitzt die Eigenschaften der Einheitlichkeit, Kontinuität und Verbundenheit. Nun ist er leider nicht mehr der in unserer Kultur dominierende -- nicht einmal sie verläßlich stützende -- Sinn. Ist es bloßer Zufall, daß einer der prominentesten Popsänger unserer Zeit -- der ungekrönte König einer gewissen auditiven Tradition -- direkt vor unseren Augen seine Hautfarbe von dunkel in hell veränderte? Trauen wir unseren Augen oder unseren Ohren? Der Sound ist der gleiche. Es ist also alles in Ordnung, versichern uns unsere auditiven Sinne. Wir leben nicht mehr in einer literarischen oder phonetischen Kultur. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß die visuelle Werte der rationalen Verbundenheit nur noch in den Kulturen verbreitet sind, in denen die phonetisch geprägte Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, noch geschätzt wird.

Nun sieht sich gerade jetzt die westliche Welt, die lange auf den visuellen Werten rationaler Kontinuität aufgebaut hat, von diesen praktischen, sensorischen Grundregeln abgeschnitten. Wenn man dem elektronischen Zeitalter unbeaufsichtigt genügend Spielraum läßt, werden wir ganz natürlich auf orientalische Formen des kosmischen Humanismus zutreiben und auf die völlige Einbeziehung des ,,Alles west in allem". Alle Räume und alle Kulturen werden sich einer Art ,,Mosaik ohne Begrenzungen" annähern. In diese Dimension haben wir uns bereits hineinbewegt. Die daraus resultierende und vorhersehbare ,,Panik" wird in einem gewissen Grad aufgefangen durch die Begeisterung über das Fallen eben dieser Begrenzungen, privater wie auch kollektiver, die von unseren visuell orientierten Vorfahren so sorgfältig errichtet wurden.

Wir spüren eine neue Freiheit und das wirkt beruhigend. Es gibt aber auch Fallstricke und Gefahren, die Befürchtungen in uns wecken sollten. Dem ist jedoch nicht so. Der betäubende Effekt einer Nabelschau nach dem Motto ,,Es kommt nicht darauf an, wie du dich fühlst, es kommt darauf an, wie du aussiehst", diese Stromlinien-Kultur schließt jeden von uns unsichtbar, aber wirksam, an einen Tropf an. Vor sich hin murmelnd irrt der Ausrufer der 90er Jahre in seinem selbstverschuldeten Drogenrauschnebel umher: ,,Das ist die Jahrtausenddämmerung und aalles issss guuut ..."



Nelson Thall leitet das Marshall McLuhan Center For Global Communications in Toronto, Kanada.
Der Text ist ein Auszug aus seinem 1996 erscheinenden Buch The McLuhan Millennium.